Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Tagungen der Forschungsstelle

Der Religionsunterricht der Zukunft – Modelle auf dem Prüfstand. Rückblick auf die Tagung am 17. Oktober 2016.

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung Halle 2016

Auf Einladung der Theologischen Fakultät (Institut für Evangelische Religionspädagogik und Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse) und der Philosophischen Fakultät (Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik) der Martin-Luther- Universität Halle Wittenberg sowie dem Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts fand am 17. Oktober 2016 die Tagung „Der Religionsunterricht der Zukunft – Modelle auf dem Prüfstand“ statt. Geleitet wurde die Tagung, an der Teilnehmer aus ganz unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen religiöser Bildung in Schule und Kirche teilnahmen, von Prof. Dr. Michael Domsgen und Prof. Dr. Harald Schwillus.

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Die Idee zur Tagung, die gleichzeitig ihre Notwendigkeit markiert, entstand aus der Situation des Religionsunterrichts in Sachen-Anhalt, dessen Rahmenbedingungen und Veränderungsprozesse eine große Herausforderung für die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, politisch und kirchlich Verantwortlichen und nicht zuletzt die religionspädagogisch Forschenden und Lehrenden darstellt. Im Zentrum stand die Frage nach der Möglichkeit resp. Notwendigkeit eines gemeinsam zu verantwortenden Religionsunterrichts an den Schulen in
Sachsen-Anhalt.

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Minister für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, Marco Tullner, sowie der Beauftragte der Evagelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt, Albrecht Steinhäuser, bekundeten in ihren Grußworten das Interesse von Politik und Kirche am beschriebenen Thema, sowie ihre Aufgeschlossenheit, über Herausforderungen und neue Impulse zu deren Lösung nachzudenken. In ihren Hauptreferaten unter dem Thema „Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt. Eine Kartographierung in ökumenischer Perspektive“ beleuchteten Prof. Dr. Michael Domsgen und Prof. Dr. Harald Schwillus die empirische Perspektive des evangelischen und des  katholischen Religionsunterrichts in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und wiesen didaktische Herausforderungen auf. Dr. Peter Schreiner vom Comenius-Institut Münster sprach über den „Religionsunterricht in Europa. Ein Blick auf unterschiedliche Modelle in religionspädagogischer Perspektive“. Damit errang die vergleichende Religionspädagogik den
ihr gebührenden Stellenwert, der für die Bearbeitung des gestellten Themas erforderlich war.

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Der Religionsunterricht der Zukunft - Tagung in Halle 2016

Verschiedene Workshops, u.a. geleitet von Prof. Dr. Martin Rothgangel (Wien) und Prof. Dr. Sabine Pemsel-Maier (Freiburg) ergänzten mit Koreferaten und Diskussionsbeiträgen die Ausführungen der Hauptredner, was in eine gebündelte Ergebnisbeschreibung und formulierte Feststellung einer künftig notwendig gemeinsamen Betrachtung des Religionsunterrichts in Sachsen-Anhalt mündete.

Tagunsgebricht: Dr. Ekkehard Steinhäuser

Religiöse Jugendfeiern zwischen Jugendweihe und Konfirmation.
Rückblick auf die Tagung am 8. April 2015

Was sind religiöse Jugendfeiern? Hier oder auf YouTube    können Sie noch einmal den Trailer zur Tagung sehen und natürlich den Tagungsbericht lesen:

Die dritte Fachtagung der im Jahr 2011 gegründeten Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse am Lehrstuhl für Evangelische Religionspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg befasste sich mit Religiösen Jugendfeiern, die in Ostdeutschland im Spektrum zwischen Jugendweihe und Konfirmation agieren. Nachdem 1998 in Erfurt die erste Feier der Lebenswende angeboten wurde, sind mittlerweile eine Vielzahl von Jugendfeiern speziell als Angebot für konfessionslose Jugendliche in allen Bundesländern Ostdeutschlands entstanden, sowohl innerhalb der katholischen als auch der evangelischen Kirche.

Michael Domsgen (Professor für Evangelische Religionspädagogik und Leiter der Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse, Halle/S.) unterstrich dabei in seiner Einführung, dass es sich bei Religiösen Jugendfeiern im Grunde genommen um ein Querschnittsthema handele, das weitere praktisch theologisch relevante Felder berühre. Religiöse Jugendfeiern seien in einem Feld konkurrierender Angebote zu verorten. Sie stehen in Konkurrenz zu öffentlichen Feiern wie der Jugendweihe, der Konfirmation und der Firmung, aber auch zu privaten Unternehmungen und Feiern im Feld der Familie, die allerdings noch nicht erforscht sind. Zugleich werde deutlich, dass die  bisher erprobten Formen religiösen Lernens viel voraussetzungsreicher seien als vielfach angenommen. Das habe auch die V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wieder deutlich vor Augen gestellt. An diese Problematik schloss auch Emilia Handke (Promovendin an der Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse, Halle/S.) an, indem sie anhand von empirischem Material aus ihrem Promotionsprojekt zeigte, dass die Konfirmation für konfessionslose Jugendliche aufgrund deren »konfessionsloser Sozialisationslogik« als rituelles Angebot in der jetzigen Profilierung biografisch kaum infrage komme. Die mit den konfessionslosen Teilnehmern Religiöser Jugendfeiern geführten Interviews deuteten darauf hin, dass solche Feiern eine ernstzunehmende Möglichkeit darstellen können, Konfessionslose auf biografisch bedeutsame Weise anzusprechen. Die zunehmende Beziehungslosigkeit zwischen konfessionslosen Familien und Kirche, die ebenfalls ein Ergebnis der KMU V darstellt, würde auf diese Weise durch persönliche Beziehungen verringert.

Im von Michael Domsgen und Emilia Handke verantworteten Podiumsgespräch verwies Birgit Sendler-Koschel (Oberkirchenrätin und Dezernentin für Bildungsfragen bei der EKD, Hannover) zunächst auf den Text der EKD »Jugendliche begleiten und gewinnen. 12 Thesen des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Jugendweihe/Jugendfeier und ihrem Verhältnis zur Konfirmation« von 1999, in dem Religiöse Jugendfeiern als ein »interessantes Experiment« bezeichnet wurden, das man weiter »verfolgen und beobachten müsse«. Aus der Perspektive der EKD brauche es eine Offenheit dafür, »religiöse Kommunikation in unterschiedlichen Kontexten angstfrei mit verschiedenen Formaten zu gestalten«. Religiöse Jugendfeiern könnten eine solche Kommunikation des Evangeliums im Modus des Feierns und Lernens darstellen. Gleichwohl unterstrich sie die Wichtigkeit der Öffnung der Konfirmandenarbeit für ungetaufte Jugendliche sowie die Herausforderung, die Religiöse Jugendfeiern in der Breite für die Konfirmation eben auch bedeuten könnten. Für evangelische Schulen seien sie als freiwillige Feiern als eine Bereicherung ihres Profils verstehbar.

In drei Workshops wurde die Frage nach der Gestaltung und Ausrichtung von Religiösen Jugendfeiern tiefergehend erörtert. Im Workshop »Religiöse Jugendfeiern als Angebot Evangelischer Schulen« gaben Pia Kampelmann (Leiterin der Evangelischen Sekundarschule Haldensleben) und Robert Neumann (Gemeindepädagoge, Haldensleben) einen Einblick in die dort seit dem Jahr 2011 angebotene Segensfeier, die sich in vielfacher Hinsicht in die Schulkultur eingebettet findet. An ihr nimmt mittlerweile die deutliche Mehrheit der Klasse teil, einige wenige nehmen neben der Segensfeier auch an der Konfirmation teil. Auch die Intensität ihrer Vorbereitungszeit (Praktikum, Projekt, Vorbereitungsstunden, Fahrt) wurde genauer vorgestellt. Die »Liturgie« der Segensfeier planen und gestalten die Schülerinnen und Schüler weitestgehend selbst.

Reinhard Feuersträter (Diakon und Seelsorger an einem katholischen Krankenhaus, Halle/S.) thematisierte »Religiöse Jugendfeiern als schulübergreifendes Angebot der Katholischen Kirche«. Die Feiern zur Lebenswende werden in Halle seit 2001 angeboten und erreichen in diesem Jahr ungefähr 500 Jugendliche aus Halle und Umgebung. Ursprünglich als Angebot eines katholischen Gymnasiums konzipiert, sind die Feiern inzwischen schulübergreifend sinnvoll geworden. Im Zentrum steht der Übergang vom Kind zum Jugendlichen, symbolisch gestaltet durch das Ablegen eines Gegenstandes aus der Kindheit und der Segnung der Jugendlichen. Nach inhaltlicher Vorbereitung ist für die gelingende Gestaltung der Feier ihre diakonische Ausrichtung entscheidend, verbunden mit einer strikten Elementarisierung. Christliche Inhalte werden nicht verschwiegen, kommen aber ausschließlich in ihrer lebensgeschichtlichen Relevanz zur Sprache. Die Agierenden fungieren als authentische Vertreter, indem sie ein segenstheologisch klar konturiertes Angebot unterbreiten, in dem die Jugendlichen selbst als Akteure im Mittelpunkt stehen.

Der Workshop von Hagen Kühne (Pfarrer, Berlin-Blankenburg) stand unter dem Thema »(Religiöse) Jugendfeiern als schulübergreifende Jugendarbeit mit dem Aufbaumodul Konfirmation – Visionen und Konflikte vor Ort«. Kühne stellte das »proJekt E« vor, das 2008 erstmals durchgeführt und gezielt als Alternative zur Jugendweihe in Eberswalde etabliert wurde. Innerhalb kurzer Zeit erreichte das Projekt schulformübergreifend rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler, darunter auch Konfirmandinnen und Konfirmanden. In mehreren Wochenendblöcken wurden in verschiedenen Workshops, z.B. Musik, Tanz, Journalismus, zentrale biografisch-lebensweltliche Themen diskutiert, die sich auch in der Konfirmandenarbeit bewährt haben, z.B. »Wer bin ich?« oder »Wozu braucht man Regeln?«. Bei der Abschlussveranstaltung, einer auf hohem technischen Niveau inszenierten Bühnenshow, erhielten die Jugendlichen ein »Zertifikat«. Nach Weggang der initiierenden Personen ist das Projekt trotz seines großen Zuspruchs nicht mehr weitergeführt worden.

Michael Meyer-Blanck (Professor für Religionspädagogik, Bonn) bezeichnete Religiöse Jugendfeiern in seinem Vortrag unter dem Titel »˃Konfirmation light?˂ Über das schwierige Verhältnis Religiöser Jugendfeiern zur Konfirmation« als ein ganz »eigenständigen Genus« neben Jugendweihe und Konfirmation. Sie seien keine Konfirmation und keine Konfirmation light – sie seien überhaupt keine Konfirmation, sondern  vielmehr als »ein kirchliches Angebot auf dem freien Markt, ohne ekklesiologische Hintergedanken« zu verstehen.

Schultheoretisch und in allgemein-pädagogischer Perspektive referierte Werner Helsper (Professor für Schulforschung und Allgemeine Didaktik, Halle/S.) über »Schulfeiern: Zu ihrer – auch religiösen – Bedeutung für die Schulkultur«, die er dabei als »Rituale imaginärer Sinnstiftung in der Schulkultur« bezeichnete. Dabei hob er deren gemeinschaftsstiftende Bedeutung für die Schulen hervor, machte aber auch darauf aufmerksam, wie »anspruchsvoll und störanfällig« solche Feiern seien, weil sie immer in der Gefahr stünden, eine »Zwangsvergemeinschaftung« darzustellen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen Eltern von Jugendlichen zu Wort, die aus ihrer Sicht den Entscheidungsprozess ihrer Kinder, an einer Religiösen Jugendfeier teilzunehmen, nachzeichneten. Deutlich wurde dabei, dass auch die Elternperspektive immer mit zu berücksichtigen ist ,,denn Schülerinnen und Schüler sind bis zu ihrer Pubertät »Familienmenschen«. Die Dimension der Familie ist darum bei Religiösen Jugendfeiern immer präsent zu halten.

Dr. Ekkehard Steinhäuser
Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg


"Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht."
Religiöse Bildung in der Peripherie
Rückblick auf die Tagung vom 9. Oktober 2013

Die erst im Jahr 2011 gegründete Forschungsstelle  Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse an der Theologischen  Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  war Gastgeber der Tagung »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht.  Religiöse Bildung in der Peripherie«, an der nicht nur junge  Nachwuchswissenschaftler/Innen teilnahmen, sondern auch zahlreiche  Verantwortliche in den Kirchengemeinden im Haupt- und Ehrenamt.

Die Forschungsstelle widmet sich der Entwicklung religiöser  Kommunikations- und Lernprozesse an der Schnittstelle von  institutioneller Religion und individueller Religiosität unter den  Bedingungen vorherrschender Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland.

Wie Prof. Dr. Michael Domsgen, Religionspädagoge an der Theologischen  Fakultät und Leiter der Forschungsstelle, in seiner thematischen  Einführung hervorhob, widme sich die Tagung dem ländlichen Raum als  »Lernort des Glaubens«. Nicht immer ist das Dorf als Ort religiösen  Lebens und Lernens Gegenstand wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gewesen.  Doch in jüngerer Zeit lenkten vor allem die demographische Entwicklung  und die Herausforderungen im säkularen Kontext Mitteldeutschlands die  Blicke auf sich. Darum muss nach Perspektiven für die religiöse  Bildungsarbeit in der Peripherie gefragt werden.

Anschauliche Beispiele zum Thema »Vor Ort. Konkretionen aus der Provinz«  lieferte der Religionspädagoge Prof. Dr. Frank M. Lütze (Leipzig).  Kirchengemeinden auf dem Land werden ihre Arbeit in den nächsten Jahren  vielfach neu ausrichten müssen. Pfarrer/Innen werden in Zukunft  verstärkt pädagogische Arbeit leisten und Ehrenamtliche anleiten. Die  Ehrenamtlichen werden die Kirche künftig deutlich mehr  eigenverantwortlich gestalten. Lütze gab anschauliche Beispiele von  gelungenem ehrenamtlichen Engagement in der Evangelischen Kirche in  Mitteldeutschland (EKM) und der Anhaltischen Landeskirche, vorrangig aus  dem Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Die Arbeit mit Gruppen der  Pfadfinder beispielsweise setzt klare christliche Impulse, aber im  Mittelpunkt steht das Gemeinschaftserleben, weshalb viele Kinder aus  kirchenfernen Familien erreicht würden. Diese Praxisbeispiele konnte Dr.  Gerald Kretzschmar (Mainz) in seinem Vortrag »Religiöse Bildung kann  gelingen – auf dem Land und andernorts« mit praktisch-theologischen Betrachtungen ergänzen.

Als Reichtum der Tagung erwies sich, dass nicht nur Theologen  miteinander im Gespräch waren. Der Geograph Dr. Karl Martin Born  (Vechta) wies in seinem Vortrag zum Thema »Das Dorf in der Peripherie.  Umrisse eines Residualortes« darauf hin, dass die Hälfte der rund 400  Landkreise in Deutschland als »ländlicher Raum« zu definieren sind.  Insofern ist kirchliche Arbeit auf dem Land in der Tat kein  Nischenthema. Kulturhistorisch kommt dem Dorf der Wert als »Bewahrer  überkommener Lebensweisen und Praktiken (Identitätsraum)« zu, und die  evangelische Kirche spielt dabei keineswegs nur die Rolle der  »moralischen Institution« mit der Funktion einer »identitätsstiftenden  Konfession«, sondern hat ebenso »Vorbildfunktion in der Krise«. Statt  eines Fazits schloss Born mit Fragen, die die Tagung im Fortgang  bestimmten: »Wie verwundbar ist eigentlich die Kirche im  Schrumpfungsprozess?« und »Wie resilient sind kirchliche Strukturen und  Angebote?«

Am Nachmittag fanden mehrere Workshops statt. Tobias Schüfer, Regionale  Studienleitung für die Vikarsausbildung in der EKM, diskutierte mit  Teilnehmern der Tagung über »Kirche auf dem Land als Thema der  Vikarsausbildung«. Auf Ebene der Landeskirche(n) wird die Situation von  Pfarrerinnen und Pfarrern im ländlichen Raum intensiv diskutiert auf den  sog. »Landkonferenzen« in Gotha und Nordheim sowie der »Internationalen  Predigerseminar-Konferenz«. Die Vikare werden auf den Dienst in  der Peripherie im Predigerseminar vorbereitet durch spezielle  »Landwochen«, die in der EKM und in der nordelbischen Kirche angeboten  werden.

Mit einer Podiumsdiskussion, an der unter anderem Jürgen Schilling (EKD)  und Regionalbischof Christoph Hackbeil (Magdeburg) teilnahmen, schloss  die Tagung. Gastgeber Prof. Dr. Domsgen stellte noch einmal die  »Bedeutung der religiösen Bildung in der Peripherie« heraus. Angesichts  dessen, dass 90% der Schulabsolventen innerhalb der folgenden zehn Jahre  nach Schulabschluss aus Dörfern in der Altmark abgewandert sind, wie  eine Studie belegt, sind junge Erwachsene mancherorts kaum anzutreffen.  Religiöse Bildung sollte sich von daher nicht auf Kinder und Jugendliche  reduzieren, sondern die im wahrsten Sinn des Wortes zurückgebliebenen  Erwachsenen ebenso in den Blick nehmen. Die religionspädagogische  Funktion von Kirche, also die religiöse Bildung, Erziehung und  Sozialisation von Menschen, ist ein Thema, das vornehmlich im Kontext  vorherrschender Konfessionslosigkeit dringend einer weiteren  wissenschaftlichen Aufarbeitung bedarf. Dieser Aufgabe hat die Tagung  mit Erfolg entsprochen.

Dr. Ekkehard Steinhäuser
Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg


"Lässt sich Geschmack bilden für Religion?"
Rückblick auf die Eröffnungstagung vom 12. April 2012

Am 12. April 2012 fand die Eröffnungstagung der Forschungsstelle in Halle statt. Die Hauptvorträge wurden gehalten von Prof. Dr. Wilhelm Gräb (Berlin), Prof. Dr. Christian Grethlein (Münster) sowie Prof. Dr. Rainer Knieling (Neudietendorf).

Podiumsdiskussion am 12.4.2012
(von links: OKR Manfred Seifert, Prof. Dr. Wilhelm Gräb, Propst Siegfried Kasparick, Prof. Dr. Michael Domsgen, Prof. Dr. Reiner Knieling, Prof. Dr. Christian Grethlein)

Podiumsdiskussion am 12.4.2012 (von links: OKR Manfred Seifert, Prof. Dr. Wilhelm Gräb, Propst Siegfried Kasparick, Prof. Dr. Michael Domsgen, Prof. Dr. Reiner Knieling, Prof. Dr. Christian Grethlein)

Podiumsdiskussion am 12.4.2012
(von links: OKR Manfred Seifert, Prof. Dr. Wilhelm Gräb, Propst Siegfried Kasparick, Prof. Dr. Michael Domsgen, Prof. Dr. Reiner Knieling, Prof. Dr. Christian Grethlein)

Die Tagungsbeiträge wid­me­ten sich einem grundlegenden Arbeitsthema der Forschungs­stel­le: »Lässt sich Geschmack bil­den für Religion? Religions­er­schließung im konfessionslosen Kon­text«. Es liegt auf der Hand, dass diese Frage – angesichts ei­nes gerade in Ostdeutschland gesell­­schaft­lich ausge­prägten Sinnes für das ausschließlich Imma­nente – weder pauschal mit ›Ja‹ noch einfach mit ›Nein‹ beantwortet werden kann. Wird doch damit ein sensibler Phänomenbe­reich im Span­nungsfeld zwischen religiösen und religions­analogen Deutungspraktiken jewei­li­ger Akteure berührt, den es diffe­riert zu beschreiben gilt, bevor da­für Handlungsperspek­tiven für Theo­­logie und Kirche vorgeschlagen werden können.

Dass sich die Forschungsstelle für dieses Vorhaben nicht an ein einziges Forschungspro­gramm bin­det, wie es der Tagungstitel suggerieren mag, sondern für eine Pluralität der For­schungs­­per­spek­tiven steht, zeigten stellvertretend die Referenten. Von zum Teil sehr unter­­schied­lichen her­meneutischen Stand­punkten der Praktischen Theologie ausgehend formu­lier­ten sie Impulse für ein Vade mecum der For­schungs­stelle. Nach den Grußworten des Rektors, Prof. Dr. Udo Sträter, empfahl Prof. Dr. Wilhelm Gräb (Berlin) in sei­nem Eröffnungsreferat, sowohl die autonomen Kulturen des Religiösen als auch die Grundüber­zeu­gungen von Kon­fes­sionslosen ernst zu nehmen, um diesbe­züg­lichen Abwertungen auf christ­licher Seite ent­gegen­­zu­wir­ken. Dazu solle auf der Basis einer religions- und kulturher­meneu­tisch arbei­ten­den, kor­re­­la­ti­ven Theo­logie der christliche Glau­be im vorurteilsfreien Dialog mit Konfes­sionslosen und unter strik­­tem Bezug auf daseins­her­meneutische Fragen als lebens­dien­liche Weltanschau­ung ›verständlich ge­macht‹ werden. Anschließend plädierte Prof. Dr. Chris­tian Grethlein (Münster) für einen Begriff des Evangeliums in kommunikations­theore­tischer Wen­dung als neu­em Para­digma der Prakti­schen Theolo­gie. Unter dem Hinweis auf die prin­zi­pielle Komple­xi­tät und Ergebnis­of­fen­heit von Kommu­nikations­prozes­sen profilierte er drei Modi der Kommuni­ka­tion des Evange­liums in Gestalt von ›Lehr- und Lernprozessen‹, von ›gemeinschaft­li­chem Feiern‹ und in Form von ›Helfen zum Leben‹. Insbesondere für die Erwä­gung praktisch-theologischer Hand­lungs­per­spek­ti­ven spe­ziell mit Be­zug auf die ostdeutsche Situation sei es ratsam, alle drei Modi gleichermaßen als leiten­dem Kriterium zu Rate zu ziehen. Im letzten Vortrag, nach der Mittagspause, kon­statierte PD Dr. Reiner Knie­ling (Neu­die­tendorf), dass auch im Kontext von Konfessions­losigkeit ein Ge­schmack für Reli­gion nach wie vor ausgebildet werde. Indizien dafür entnahm er einer noch unver­öffentlichten Stu­die zu den Glaubenskursen des AMD. Gleichzeitig warnte er vor einer Über­for­derung des kirch­­lichen Personals hinsichtlich zu hoher kirchlich-missiona­ri­scher Zielstel­lun­gen. Denn gerade in der Begegnung und Annahme des Nichtreligiösen läge ein Poten­zial beschlos­sen, sich von kirchlicher Seite zu neuen Fragen voranreiben zu lassen, die um­ge­kehrt auf eine ›neue Offenheit für Religion‹ hoffen ließen.

Danach fanden sich die Vortragenden mit OKR Manfred Seifert (EKM), Propst Siegfried Kasparick (Anhalt), Prof. Dr. Domsgen und PD Dr. Lütze zu einer Podiumsdiskussion zusam­men, wo die Impulse des Tages pointiert gebündelt wurden. Im letzten Programmpunkt, vor dem Empfang, stellten die Mitarbeiter/innen der Forschungsstelle ihre Forschungsvorhaben, in kurz nach­ei­nan­der getakteter Reihenfolge, vor. Dazu zählen (gegenwärtig) folgende Projek­te: Empi­rische Studien zum Lutherbild, Persönlichkeit und Rituale, Taufe und Lebens­ge­staltung, Religiöse Jugendfeiern an evangelischen Schulen, Einfluss von evangelischen Schulen auf die reli­gi­öse Ent­wick­lung von Kindern und Begegnungen von Schule und gelebter Religion. (Für nä­he­re Infor­mationen siehe: http://www.theologie.uni-halle.de/faecher/rkl/.) Man darf so­mit ge­spannt sein auf die ersten Ergebnisse des Forschungs­teams.

Wilfried Meißner
Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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