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Todestod (1. Kor 15,50-58)


Predigt von Elisabeth Loos im Universitätsgottesdienst am 31. Mai 2026 in der Laurentiuskirche


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UGD_Predigt_26_05_31.pdf (153,3 KB)  vom 07.06.2026

50 Das sage ich aber, liebe Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. 51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; 52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. 54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg. 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« 56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus! 58 Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

Liebe Gemeinde!

„Das schaurigste der Übel also, der Tod, geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten, denn bei den einen ist er nicht, und die anderen sind nicht mehr.“ Das schreibt Epikur in einem Brief an Menoikeus und wollte ich ihm folgen, wäre diese Predigt schon vorbei, ehe sie überhaupt angefangen hat. Logisch betrachtet ist in Epikurs Sätzen kein Fehler zu finden und es wird auch nichts Überraschendes verkündet, denn tatsächlich können wir weder lebendig noch tot etwas am Tod ändern, was sollte er uns folglich angehen, wenn er im Leben noch nicht ist und im Tod wir nicht mehr sind. 2300 Jahre später singt eine der erfolgreichsten Singer-Songwriterinnen unserer Zeit, Billie Eilish, in ähnlich abgeklärter Haltung die lakonische Zeile „Everybody dies – surprise, surprise“, alle müssen sterben, so ist es nun einmal. So betrachtet ist der Tod nur in der simplen faktischen Anerkennung richtig angesprochen. Kein Stachel, kein Kampf, kein Aufbegehren – es lohnt sich nicht und geht weder die Lebenden noch die Toten etwas an.

Aber das Bild ist vielschichtiger: Denn Epikur lässt sich offensichtlich durchaus vom Tod angehen, wenn er ihn als „das schaurigste der Übel“ einführt; und Billie Eilishs Lied entwickelt sich zu einer so schwermütigen Ballade, dass man sich meilenweit entfernt fühlt von einer friedlichen Akzeptanz des Lebensendes. Wie sollte es auch anders sein, würde ich ergänzen, wie sollte ich dem Tod begegnen, wenn nicht mit Schwermut, Abwehr, Verdrängung, es gibt einen Alltag zu bestreiten und ein Leben zu leben und der Tod ist per definitionem der Antipode zu allem, was mir lieb am Leben ist; der Tod kommt als sichere, aber ungeliebte surprise ins Leben.

Das Problem der Unausweichlichkeit – everybody dies – aber bleibt bestehen und nicht wenige Menschen haben sich gegen die Verdrängung und für die rationale, emotionale, spirituelle, kreative Auseinandersetzung entschieden, zumindest zeitweise. Selbst in Epikurs scheinbarer Abwehr der Todesthematisierung liegt ja schon ein erster Schritt genau dazu vor, nämlich den Tod ins eigene Leben zu lassen. Zu den schönsten Thematisierungen des Todes gehören für mich die Requien, mal mit bombastischem Dies Irae wie bei Mozart und Verdi, das jeden Schmerz übertönen kann, mal mit lieblichem und tröstendem In paradisum von Gabriel Fauré. Letzterer schrieb sein Requiem wohl übrigens bestens gelaunt und „einfach so“ und voller Leichtigkeit, denn er empfand nach eigener Aussage „den Tod eher als freudige Erlösung und glückliches Streben nach dem Jenseits und weniger als schmerzvollen Weg.“ (so im Jahr 1902 in einem Brief) Das Dies irae schummelte Fauré dann auch fast weg, es passte nicht in seine Vorstellung vom Tod. Ästhetisch betrachtet ist die menschliche Todesreflexion ein Gewinn, wenn sie zu solch unglaublich berührenden Werken führt, die nicht den Anspruch haben, irgendetwas zu erklären, sie sagen nicht, was der Tod ist, sondern nähern sich musikalisch der Frage: „Wie ist der Tod?“ Laut und leise, zornig, versöhnlich, einschüchternd, friedfertig?

Der Eindruck, dass man dem Tod sogar ästhetisch etwas abgewinnen kann, bestärkte sich noch in einer Ausstellung der Kunsthalle „Talstraße“ hier in Halle, die vor einigen Wochen zu Ende gegangen ist und den Titel trug „Echo des Unbekannten. Vom Umgang mit Tod und Vergänglichkeit“. Dort war zu sehen, welche unterschiedlichen bildlich-künstlerischen Formen der Tod annehmen kann. Es war quasi die Umkehrung des Bilderverbots, statt einer Erhöhung durch Nicht-Bebilderung wurde der Tod greifbar und nahbar gemacht durch seine Darstellung in Bild und Skulptur, nicht beschönigt, aber eben auch nicht unfassbar. Er erschien mal tanzend mit dem jungen Mädchen, mal lauernd hinter Willi Sitte, mal erstarrt in Ernst Barlachs Pietá, auch bunt und geradezu verspielt in aufwendig hergestellten, turnschuhförmigen Särgen aus Ghana. Auch die Kunstwerke haben nicht die abstrakte Frage gestellt, „Was ist der Tod?“, sondern vielmehr „Wer ist der Tod?“, „Wie sieht er aus, was macht er, wo ist er?“

Die Textstelle aus dem 1. Korintherbrief, um die es heute geht, ist betitelt mit „Todestod“ – und liefert uns ebenfalls eine Personifizierung des Todes, es ist eine der stärksten Stellen des Neuen Testamentes, wie ich finde: „Tod, wo ist Dein Sieg? Tod, wo ist Dein Stachel?“ spottet Paulus unter Aufnahme und leichter Abwandlung eines Wortes des Propheten Hosea. Offensichtlich hat man es mit einem Gegner zu tun, der selbst sterben kann im „Todestod“, der aber auch nicht unbewaffnet angetreten ist: Der besagte „Stachel“ wird in den Kommentaren oft assoziiert mit einem „Treibstecken, mit dem ein Bauer sein Vieh lenkt, indem er es zugleich züchtigt“ (August Strobel, Zürcher Bibelkommentare). Was für ein schmerzerzeugendes Bild, das den Menschen zugleich in die demütigende Rolle des Viehs drängt! Paulus nutzt dieses anschauliche Bild, um eine wundersame Machtumkehr zu beschreiben: Der herrschende Tyrann, der Tod, wird in die Niederlage gezwungen, die bisher Beherrschten werden durch Christus zu Siegern. Aus der Demütigung wird Triumph, aus der Knechtung wird Befreiung.

Bevor ich mich der Verhöhnung des Todes zuwende, der Auferstehung und dem Reich Gottes, von denen Paulus hier schreibt, will ich noch etwas bei diesem Stachel bleiben und schauen, was den Tod eigentlich so „schaurig“ macht, um Epikur noch einmal aufzunehmen; denn die Stärke des Bildes vom besiegten Tod wird nur deutlich, wenn einem vor Augen steht, wer hier eigentlich bezwungen wird. Ich denke, dass der Text missverstanden wäre, wenn man nur die Siegesgewissheit herauslesen würde, die ohne Zweifel durch das „Tod, wo ist Dein Sieg?“ ausgedrückt werden soll. Paulus hat offensichtlich Respekt vorm Tod und macht deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn der Tod das letzte Wort behalten sollte, wie manche Zweifler aus der korinthischen Gemeinde wohl gemeint haben. Einige Verse vor unserer Stelle, 1 Kor 15, 19, schreibt Paulus: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ und im ganzen umgebenden Textabschnitt 1 Kor 15, 12-19 beharrt Paulus sehr darauf, dass es ohne die Auferstehung keine Hoffnung für uns gebe. Ein Leben, das mit dem Tod endet, ist demnach elend und hoffnungslos. Etwas später, in Vers 26 heißt es: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. >Denn er hat alles unter seine Füße getan.<“ Die Vernichtung des Todes ist der Schlusspunkt und der Höhepunkt in der eschatologischen Ordnung, weil der Tod der härteste Gegner ist, der als Letzter noch steht und besiegt werden muss. Und in den Versen des heutigen Textes ist die Rede vom Sterben und Vergehen, vom Verwesen und vom Stachel des Todes, der alles und jeden sich unterwirft. Für mich drückt sich in diesen Beschreibungen deutlich aus, dass Paulus die Angst teilt, die wohl alle Menschen kennen. Und dennoch – warum eigentlich?

Ich sehe es so: Mit dem Tod – spätestens mit dem Tod – endet die Zeit der eigenen Entscheidungen, an die wir uns so gewöhnt haben, obwohl sie eigentlich erst langsam ins eigene Leben gekommen ist – ein Baby trifft die wenigsten Entscheidungen selbst – und mitunter unterbrochen wird und letztlich auch schleichend wieder aufhören kann, wenn Aufgaben und Zuständigkeiten abgegeben werden müssen. Das Leben kann Zweifel mit sich bringen, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat, aber dennoch ist unser Leben doch davon bestimmt, dass Möglichkeiten und Alternativen im Geiste abgewogen werden. Erst der Tod macht alle jemals getroffenen Entscheidungen wirklich endgültig, denn er beendet das Nachdenken über die Möglichkeiten, die es einmal gab. Trostlos ist die Aussicht, dass es mal nur einen Weg geben wird, den alle nehmen müssen und der so vollkommen fremd ist und bei dem jede Vorstellung und Antizipation versagt. Es ist ein vollkommener Wandel ins Fremde, über den wir nicht zu entscheiden haben.

Wo sich alles wandelt, ohne dass wir uns diesen Weg ausgesucht hätten, kann nicht nur Unsicherheit entstehen, sondern mitunter die blanke Panik: Nichts ist klar, wenn man sich den Tod vorstellen will, außer dass ich nicht bleiben werde, wie ich bin. Das drückt ja auch Epikur aus, nur dass er aus dieser Ungewissheit schließt, dass der Tod die Lebenden eben nichts anginge; und auch Billie Eilish ist überfordert davon, dass die Welt, an die sie gewohnt ist, die einem vertraut ist, ein Ende haben wird.

„I don't wanna cry, some days I do
But not about you
It's just a lot to think about the world I'm used to
The one I can't get back“

Vorrangig beklagt sie dabei nicht den Verlust des einzelnen, nicht ihrer selbst, sondern dass die ganze Welt mit dem Tod beendet wird. Die ganze Welt, wie wir sie gewohnt sind: der Tod ist der vollkommene Wandel.

Paulus spricht deutlich von diesem Wandel und seiner Notwendigkeit. Er nimmt die Sicherheit, dass der Tod einen Wandel bedeutet, allerdings konstruktiv auf und verlängert sie in die Auferstehung hinein, die als eine „Verwandlung“ beschrieben wird, und als eine sehr plötzliche dazu (die übrigens nicht nur die Toten erfassen wird):

„Seht, ich sage Euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wohl aber werden wir alle verwandelt werden, und zwar im Nu, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenstoß, denn die Posaune wird erschallen, und sofort werden die Toten in Unvergänglichkeit auferweckt werden, und wir werden verwandelt werden. Denn dieser vergängliche Leib muß die Unsterblichkeit anziehen, und dieser sterbliche Leib muß die Unsterblichkeit anziehen.“ (1 Kor 15, 51-53)

Paulus setzt zur Beschreibung dieses Wandels antithetische Konstruktionen ein, die er bereits in den Versen unmittelbar vor unserem Textabschnitt entfaltet. Dort schreibt er in den Versen 35-49, über die „Art der Auferweckung und von dem Auferstehungsleibe“ und setzt den erstorbenen Samen dem daraus erwachsenden lebenden Weizen entgegen – wir haben es soeben gesungen –, er kontrastiert den irdischen Leib mit dem himmlischen, den verweslichen mit dem unverweslichen, er sagt: „Es wird gesät in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit; es wird gesät in Armseligkeit, auferweckt in Herrlichkeit, gesät in Schwachheit, auferweckt in Kraft; gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt ein geistlicher Leib.“ Paulus redet vom ersten Adam, im Sinne der ersten, alten Menschheit, die ersetzt wird durch den letzten Adam, der Christus, der Auferstandene ist. „Und wie der himmlische Mensch – Christus – beschaffen ist, so sind auch die himmlischen Menschen beschaffen; und wie wir das Bild des irdischen Adam an uns getragen haben, so werden wir auch das Bild des himmlischen Christus an uns tragen.“

Irdisch – himmlisch, verweslich – unverweslich, niedrig – herrlich, Schwachheit – Kraft, natürlich – geistlich, der erste Mensch – der zweite: Die Gegensatzpaare machen klar: Eine Fortsetzung des Bekannten wird es nicht geben. Darin steckt die Urangst vor dem Tod als Gegenstück zum Leben und daraus macht Paulus die Hoffnung der Auferstehung. Denn während sich alles wandelt, wird auch der Tyrann, der Tod, verwandelt und er wird klein gemacht und besiegt.

Doch selbst wenn man sich des heilvollen Wandels gewiss ist, bleibt es immer noch ein Weg, den man alleine antritt. Manche meinen, dass eigentlich das Sterben beängstigend sei und nicht der Tod, aber ich würde entgegnen, dass das Sterben zumindest endlich ist und doch irgendwie auch vorstellbar, während der Tod – in unserer Zeit bemessen – unendlich ist und uns ebenso unendlich fremd. Es gibt „Sterbebegleitung“, aber wer begleitet den Tod? Wer begleitet mich im Wandel, in der unheimlichen Verwandlung?

Der Psalm 121, den wir eben zusammen gelesen haben, greift diese Frage auf und er bittet um Unterstützung: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“, so beginnt er. Der Grund, der unter den Füßen entgleiten kann, ängstigt den Psalmisten offensichtlich. Wenn einem der Boden weggezogen wird, welches Fundament bleibt dann noch? Die Hoffnung liegt in der abschließenden Segensbitte: „Der HERR behüte Dich vor allem Übel, er behüte Deine Seele. Der HERR behüte Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Für den Ausgang und Eingang, Anfang und Ende und darüber hinaus wird Gottes Beistand und Begleitung erbeten. Wie wir ins Leben kommen und aus ihm gehen, soll behütet sein und eben nicht allein geschehen.

Und auch das Lied „Bleibe bei mir“, das wir gleich singen werden, ist die Bitte, im Wandel nicht allein zu sein, dass der HERR mit mir gehe: „Im Leben und im Tod, HERR, bleib bei mir!“ Es geht im Psalm und im Lied um ein Fortsetzen der Beziehung über die Grenze des Todes hinaus, die uns vorgegeben ist und die uns eine vollständige Verwandlung abverlangt. In der zweiten Strophe des Liedes werden wir singen:


Umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!

Es ist die Bitte um Kontinuität im unvermeidlichen Wandel und Begleitung der Verwandlung durch den Unwandelbaren. Wie gesagt – dass ein Wandel passiert, ist ja kein exklusiv christlicher Gedanke, selbst Epikurs schlichte Feststellung, dass wir im Tod nicht mehr sein werden, beschreibt ja einen Wandel, der sich auf die Negation des Jetzt-Zustandes, des Seins, bezieht. Billie Eilish sieht klar, dass das Gewohnte mit dem Tod endet, Firmen bieten inzwischen an, dass man einen Avatar seiner selbst erstellt, bevor man stirbt und in dieser verwandelten Form nach dem Ableben weiter mit den Hinterbliebenen kommuniziert – ein Wandel vom analogen Leben zum digitalen Pseudo-Leben, ein moderner Versuch der Gestaltung des Abschnitts, der uns eigentlich entzogen ist.

Und die paulinische Botschaft der Auferstehung ist, entgegen mancher Vereinfachung, kein Verkünden des gewohnten Weiterlebens, kein Ausweichen vorm Wandel!

Paulus geht es nicht um ein Weiterleben und Fortsetzung des Bekannten, denn das würde auch die Fortsetzung der „alten Menschheit“ und damit der Sünde bedeuten; unser Leben, das wir lieben trotzdem es vergänglich, irdisch, verweslich ist, an dem wir hängen, wohl auch, weil wir wissen, dass es vergänglich, irdisch, verweslich ist – es  kann nicht so bleiben, denn das würde eine Fortsetzung der Herrschaft der Sünde bedeuten, die uns klein hält und letztlich mit der Herrschaft des Todes zusammenfällt: „Der Stachel des Todes ist aber die Sünde, und die Kraft der Sünde liegt im Gesetz.“ (V. 56)  – im Begriff der „Sünde“ begegnet uns ein Begriff, der außerhalb und vielleicht auch innerhalb des theologischen Kontextes auf größte Skepsis trifft, wie natürlich auch die „Auferstehung“. Während letztere als magisch-mythische Wunschvorstellung belächelt wird, ist die „Sünde“ vielleicht noch die größere Provokation, weil sie eine Beleidigung des Menschen an sich zu sein scheint, zumindest wenn sie nicht verkürzt als moralischer Fehltritt verstanden wird, sondern als unausweichliche Disposition eines jeden Menschen – dass dem Römerbrief und auch der komprimierter gefassten Theologie des Korintherbriefs folgend die sündige Anlage des Menschen letztlich eine Befreiung des Menschen ist, muss erst herausgeschält werden: die Sünde ist nicht meine persönliche Verfehlung, sondern, wenn man so will, der anthropologische Standard, und die Befreiung von ihr bekommen wir ohne eigene Leistung, allein durch Gottes Gnade – eine Befreiung von Sünde und damit vom Tod, die Paulus übrigens auch präsentisch versteht und als gegenwärtige formuliert: „Dem Gott, der uns den Sieg gibt, sei Dank durch unseren Herrn Jesus Christus!“ Der Sieg über Sünde und Tod ist zumindest anteilig schon im Hier und Jetzt errungen.

Ist nun die „Auferstehung“ die Lösung für unsere Angst, beseitigt sie die Zweifel? Wir hören noch einmal Billie Eilish zu, sie meint dazu:

„We tell each other lies,

sometimes, we try

to make it feel like

we might be right,

we might not be alone

Ist das das popkulturelle letzte Wort zur christlichen Auferstehungspredigt? Je nach Auslegung ist Eilish in guter Gesellschaft, denn auch Kant fand zumindest die Vorstellung absurd, dass der Leib in seiner irdischen Form auferstehen solle, was soll die Kalkerde, aus der er besteht, im Himmel, fragt er in seiner Religionsschrift. Die Auferstehung als tröstliche Geschichte vom Weiterleben, als Weiterleben in unserem Kalkerdekörper, wie wir es gewohnt sind, würde auch er wohl als Lüge ansehen und damit ist er ganz auf der Linie des notwendigen Wandels, von dem eben die Rede war.

Zweifel und kritische Nachfragen zur Art der Auferstehung sind wohl auch Paulus begegnet, denn im Korintherbrief nimmt er offensichtlich Bezug auf Zweifler in der Gemeinde. In V. 14 des gleichen Kapitels heißt es: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Das ist eine harte Alternative für uns Kinder des 21. Jahrhunderts, vor die Paulus uns stellt! Christ sein ohne an die Auferstehung zu glauben, ist Paulus zufolge widersprüchlich und letztlich nicht möglich, er zeigt die Konsequenzen auf: Wenn die Auferstehung Toter bezweifelt wird, dann wird die Auferstehung Christi und damit der lebendige Gott bezweifelt und damit das ganze Fundament des Glaubens weggezogen. „Entweder – Oder“, ist die Ansage, die sich wohl auf die bezieht, die den Glauben der jungen korinthische Gemeinde  in Zweifel ziehen und damit gefährden könnten.

Und Paulus selbst? Natürlich ist diese Frage müßig, aber niemand verbietet, den Text lebendig werden zu lassen. Für mich drückt sich in ihm nicht die reine Siegesgewissheit aus, sondern auch Angst, Spott, Kampfeslust und die Selbstbeschwörung, den Kampf eigentlich schon gewonnen zu haben. Vielleicht gehe ich zu weit, wenn ich Paulus selbst Zweifel unterstelle, aber ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass er sein „Tod, wo ist Dein Sieg? Wo ist Dein Stachel?“ etwas sehr laut ausruft, wie ein Kind, das in den Keller geht und laut ein Lied singt, um ja nicht Angst zu bekommen. Und so möchte ich mir Paulus vorstellen, weil in dieser Mischung aus selbstbeschwörender Halbgewissheit, Angst vor dem Tod, übermütiger Hoffnung und eindringlicher Bitte ein Mensch vor mir steht, der an jeder Stelle dieser Welt neben mir stehen könnte. Es geht nicht um die Unterteilung in uns Gläubige und „die anderen, welche keine Hoffnung haben“, um (zugegebenermaßen verkürzt!) ein anderes Pauluswort aus dem Thessalonicherbrief aufzunehmen, in dem von einem „wir“ die Rede ist, das anscheinend mehr Hoffnung hat als „die anderen“. Ich sehe es eher so, dass es eine dynamische Zugehörigkeit gibt, mal zum „Wir“, die von Hoffnung getragen werden, und dann wieder zu „den anderen“, die der Todesangst nichts entgegenzusetzen haben als eine Bitte, deren Erfüllung ungewiss bleibt bis zum letzten Tag, dem Tag der „letzten Posaune“. Und selbst Billie Eilish bietet am Schluss Ihres Lieds ein Türchen zur Hoffnung an und soll hier das letzte Wort behalten:

„You oughta know
That even when it's time
You might not wanna go
But it's okay to cry
And it's alright to fold
But you are not alone
You are not unknown.“

„Du solltest wissen, dass, wenn es an der Zeit ist, Du vielleicht nicht gehen willst, es ist ok zu weinen und es ist ok zu fallen, aber Du bist nicht alleine, Du bist nicht unbekannt.“

Und so bitten wir mit dem folgenden Lied um den Beistand des Unwandelbaren, bei dem wir keine Unbekannten sind. Amen.

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