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Neid • Invidia


Predigt von Prof. Dr. Friedemann Stengel im Semestereröffnungsgottesdienst am 12. Oktober 2026


Unter diesem Link finden Sie die Predigt als PDF-Dokument zum Herunterladen:
UGD_Predigt_26_10_12.pdf (108,5 KB)  vom 14.10.2026

Das Thema Sünde ist in den Kirchen aus der Mode gekommen. Wir finden sie eher als Zitat in alten Liedern, Gebeten und Texten, kaum als eigenes Thema. Heute wird mehr über Potentiale als über Defizite geredet: Menschen nutzen nicht, was sie haben und müssen ermutigt werden zu entwickeln, was in ihnen steckt. Man muss sie erziehen und bilden, damit sie erkennen, dass es gut ist, gut zu sein. Dann werden sie sich auch bessern wollen. So hört man es oft.

Manche Taten, die man mal als Sünde bezeichnet hat, sind systemisch-systemtheoretisch umerklärt oder wegerklärt worden: nicht der Einzelne trägt die Schuld für etwas, sondern der Kreis derer, die drumherum beteiligt sind: Partnerschaft, Familie, Gesellschaft, das System eben. Es geht dabei nicht nur um mildernde Umstände und die Berücksichtigung belastender Kindheits- und So­zialverhältnisse. Schnell wird die Verantwortung auf solche Systeme in der Gegenwart und in der Vergangenheit abgewälzt. Das ist vielleicht kein Generalurteil, aber eine Tendenz. Wie ein Balsam ist zu Zeiten verbreitet worden, Menschen sollten sich vor allem selbst vergeben, was ihnen durch die Rede von der Erbsünde wie ein Mühlstein um den Hals gehängt worden ist. Denn nicht sie, sondern die Verhältnisse seien „schuld“.

Dagegen dieser Befund mit etwas Düsterkeit: Es ist schwer, kein Pessimist zu sein, wenn man sich umschaut. Ich rede jetzt einmal nicht von Wahlergebnissen, die der Hälfte der Menschen nicht schmecken, sehr vielen sehr schmecken, einem ganzen Teil sehr egal sind, und die vielen anderen Angst machen, manchen so sehr, dass sie überlegen, die Koffer zu packen, um den täglichen Erniedrigungen und den Bedrohungen durch unsere Menschen zu entkommen, ja durch unsere Menschen, nicht etwa nur durch populistische Sprachrohre und zynische Populisten.

Dennoch möchte ich kein Verhältnis zwischen Wahlergebnissen und Sünde herstellen. Das würde zu schnell zu einfachen und zu schiefen Antworten führen. Denn auf allen Seiten gibt es starke Tendenzen, sich gegenseitig Boshaftigkeit, niedere Beweggründe, Empathielosigkeit, Egoismus, rücksichtlose Ideologie, einseitige Wahrnehmung, und vor allem Hass und Verachtung, vorzuwerfen – also: Sünde. Und sehr viele meinen, sehr gute Gründe dafür zu haben, sofort über die anderen herzuziehen: über die Bösen, die Unreflektierten, über die Spinner und Ideologen, über die Woken, die Verständnislosen, die Radikalen, je nachdem auf welcher Seite man sich einordnet. Es wäre außerdem wohlfeil, aus der Sündenthematik ein Kapitalismusbashing, ein Luxus-Bashing, ein Rotlichtbashing, ein Wellness-Bashing oder ein Bankenbashing zu machen, dabei sehr große Systemkritik zu üben und vor allem auf die ach so böse Welt zu zeigen. Und von sich selbst weg. Auf die anderen. Aber hat das nicht selbst etwas Sündiges?

Sünde ist etwas sehr Individuelles und wir sollen es vermeiden, das System, die social medias oder was weiß ich für Influencerinnen und Demagogen verantwortlich zu machen. Solche Wegdelegierungen haben eine böse Tradition, nicht nur, aber gerade hier in unserem Land. Keiner will irgendetwas gewesen sein oder gemacht haben. Bei Sünde geht es aber um Einzelne und nicht um die Klage, dass ja die ganze Welt seit Ev-Adam gefallen sei und wir auch nichts weiter dafür können, wenn wir, nein: alle anderen, so sind, wie wir sind.

Dann haben wir schlagartig wieder ein System, das verantwortlich ist für das, was wir tun, damit wir selbst keine Verantwortung übernehmen müssen. Ist nicht die systemische Rede vom System an die Stelle der Erbsünde getreten, die wir unverschuldet tragen und die uns zugleich die Schuld nimmt?

Wenn wir über Sinn und Sünde sprechen, müssen wir vielleicht zuerst über den Neid sprechen. Denn da geht es immer um uns selbst. Wer über Neid spricht, kann niemals über die anderen sprechen, denn dann hat ihn der Neid bereits gepackt. Es geht nicht um den Neid der anderen. Die Neidsünde greift uns an. Wer kritisch über Neid spricht, übt Selbstkritik, da ist kein „Ja aber“, „der hat aber ...“ oder „die will ---“ oder „die sind ja ...“. So groß auch die Versuchung ist, so zu reden, um von uns selbst abzulenken.

Auch das Anders-sein-Wollen, als man ist, schielt auf den anderen. Ich und Nicht-Ich. Wir und ihr. Unser und euer. Sei nicht neidisch, ist eine schnell infantilisierende Rede, denn sie packt bei dem wunden Punkt, nicht erwachsen geworden zu sein.

Wie ein böser Wurm schlingelt sich der Neid durch unsere Seelen und wir wissen nicht, seit wann: als Grundgefühl, nicht zu sein, was man vermeintlich sein will oder sein wollte, was verloren ist und nicht erlangt werden kann und eine tiefe Spaltung hinterlassen hat. Vielleicht ist Neid das Gefühl eines grundsätzlichen Defizits in uns, aber da sind wir schon wieder beim Weg-Psychologisieren der Sünde. In der Tat: An die Stelle der Ursünde als eines prinzipiellen Tabu­bruchs der Erkenntnis hat der Psychoanalytiker Jacques Lacan das „Spiegelstadium“ gesetzt.

Ab einem ganz bestimmten Punkt, dem der Selbst­er­kenntnis, da erblickt das Kind im Spiegel etwas, was es selbst ist und doch nicht es selbst. Und es erwacht das Begehren, wieder ganz zu sein, eins mit dem, was man nicht ist und von dem man nicht weiß, ob man es jemals war. Im Spiegelstadium wird das Begehren zum Hauptantrieb, anstelle einer unvermeidbaren Ursünde, denn es geht um das Grundgefühl des Neides, der Differenz, des Unerlöstseins. Für Lacan und das ihm folgende Heer von Analytikern und Philosophen besteht im Begehren, das durchs Spiegelstadium ausgelöst wird, die ontologische Grundstruktur der menschlichen Welt.

Ich habe da meine Zweifel, wie ich an der Erbsünde meine Zweifel habe. Ich finde, wir sollten nicht an eine unausweichliche Struktur oder Beschaffenheit glauben, der wir gar nicht entrinnen können. Denn alle Übel der Welt können damit erklärt werden. Und alle Übel können damit gerechtertigt werden. Das sollen wir ebenso vermeiden wie das permanente Wegdeuten von Sünde durch Systeme.

Am Anfang der Geschichte über den Neid stehen Kain und Abel. Damit geht es los, unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies: mit dem Neid auf jemanden, der vermeintlich mehr geliebt wird. Auf jemanden, der mehr Glück in der Liebe und mehr Erfolg hat, mehr in sich selbst ruht, ja, der auch bescheidener sein kann, weil er alles hat. Das wird nicht gegönnt.

Und dann geht es weiter: wir wollen reicher, frömmer, schicker, fröhlicher und selbstverständlich cooler sein. Leute sind neidisch auf die Sozialleistungen, die andere bekommen, die vermeintlich nichts dafür getan haben. Leute sind neidisch sogar auf die Freundlichkeit, wenn wir sie nicht annehmen können, auf die vielen Urlaube, die andere haben, auf die Leichtigkeit, mit der andere vermeintlich ganz klar sagen können: ich will sorgenlos genießen und nicht für die Arbeit leben. Ja es gibt Neid auf die, die endlich mal aussprechen, was ich mich nicht zu sagen traue. Der Neid hat eine erhebliche populistische Note. Und er ist ausgesprochen individuell. Es ist überraschend, was wir so für Objekte des Begehrens haben. Manchmal scheint es, als ob man genau das sucht, was man nicht hat, auch wenn man gerade nichts vermisst.

Aber hinter dem Neid steckt auch unser ganzes ungenutztes Potential, unser Brachland, von dem wir nicht wissen, ob es vielleicht sogar Frucht tragen könnte. Könnten uns dabei auch die anderen helfen, auf die wir blicken? Es ist wirklich ambivalent. Wenn wir konstruktiv auf unsere Defizite schauen, können wir uns verbessern. Aber wir können auch vor Neid erblassen. Vorbilder spornen uns an, aber wir können dem Narzisssmus verfallen, der nichts anderes ist als ein verkapptes Defizitgefühl. Der Erfolg der anderen kann unsere Leistungsfähigkeit beflügeln, und wir können aus demselben Grund Workaholics werden.

Wie kommen wir aus dieser Falle heraus, wo wir uns doch stets vergleichen? Wo tun wir das Trennende in unseren Herzen hin, das es ja gibt. Es kann uns untereinander zerreißen. Oder sehen wir das vielleicht als Brücke?

Dabei sind wir doch an einem Punkt gleichwertig: nicht unsere Meinungen sind es, aber unser Wesen. In jedem von uns steckt ein Kind, ein Kind wie das Kind in der Krippe. Könnte es uns gelingen, uns gelegentlich so anzuschauen, wenn wir uns auf der Straße begegnen, im Haus, auf der Treppe, im Seminar? Da geht es nicht um unsere Herkunft, um unsere Ansichten und unseren Lebensstil, unser Wohlverhalten und unser Wahlverhalten. Die widersprechen sich und schließen sich aus, sie führen zu Neid, zu Abweisung und dann vielleicht zum Zorn und mehr. Das kann doch um Gottes willen nicht unsere Perspektive sein! Es geht um die Gleichwertigkeit unseres gottgemachten Wesens. Könnten wir das sehen und spüren. Werden dann die schwierigen Differenzen zwischen uns vielleicht erträglich, vielleicht sogar hilfreich. Danach können wir über alles reden. Aber wir sollen bitte nicht aufhören, über Recht und Wahrheit zu streiten.

Ich denke an das Gleichnis vom verlorenen Sohnes, oder besser: des verlorenen Kindes, das wir gehört haben. Bei dem geht es ja ganz zentral um den Neid des Älteren, der die Welt nicht versteht: Er hat doch alles richtig gemacht, war stets treu und anständig. Und dann das niederschmetternde Gefühl, der vermeintlich treulose Lebemensch würde mehr vom Vater geliebt als er selbst, völlig umsonst und unverdient. Er versteht nicht die Welt, sich selbst nicht, den Vater nicht und nicht dessen Glück, als der verloren Geglaubte zurückkehrt. Manche werden sich mit der Rolle des Wiederkehrenden, manche mit der des Gebliebenen identifizieren. Das zu schnell zu tun, kann aber auch auf falsche Gedanken bringen. Wir wissen nicht, welches der beiden Kinder wir sind! Bleiben wir lieber bei der Frage, die der dagebliebene neidische Sohn sich stellen sollte: haben wir zu sehr vertraut, alles richtig zu machen? Haben wir stets gemeint, im Besitz der Wahrheit zu sein? Haben wir darüber vergessen, auf den andern zu hören oder waren wir vielleicht sogar froh, dass er oder sie endlich weg war?

Das sind Dinge, die wir selbst bedenken können, die uns vielleicht beruhigen und auch auf einen anderen Weg bringen. Aber sollte ich nicht, sollten wir nicht Mut und Vertrauen darin schöpfen, dass die Unerlöstheit, die Differenz, die in uns selbst liegt, aufgelöst – erlöst – werden wird? Die berühmte Arbeit „an uns selbst“ reicht nicht: wir brauchen Erlösung.

Es ist kein frommer Spruch, dass in Christus alle Gegensätze aufgelöst sind, auch unsere eigenen. Das ist keine Beruhigungspille, sondern ein Trost auch im Schmerz, den der Neid in uns bewirkt und hinterlässt. Wir brauchen Erlösung von dem Gift des gefühlten Defizits, des destruktiven Vergleichs, der bohrenden Unzufriedenheit mit dem, was wir sind und haben. Wir bitten um Erlösung von dem Gefühl der Missgunst und des Neides, damit wir unsere Grenzen erkennen und, mehr noch: annehmen können. Und die der anderen. Amen

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