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Kurzarbeit (Mt 20,1-16)


Predigt von Prof. Dr. Insa Theesfeld zum Universitätsgottesdienst am 26. Oktober 2025


Liebe Universitätsgemeinde,

Ich möchte Ihnen heute eine Kernbotschaft der Theorie einer Nobelpreisträgerin für Ökonomie in dem von mir an der MLU vertretenen Fachgebiet - der Gemeingüterforschung - näherbringen und diese gleichzeitig hinterfragen. Ich möchte diese theoretischen Erkenntnisse mit unserer Lesung und mit dem Thema der Universitätsgottesdienste in diesem Wintersemester „Gerechtigkeit“ zusammenbringen, ja sogar kontrastieren. Ich möchte Ihnen mein eigenes Ringen um Einordnung verdeutlichen.

In der Wissenschaft gibt es zahlreiche Verhaltensexperimente, was bestimmte Gruppen von Menschen als fair empfinden. Man kann sagen, das ist relativ gut erforscht! Warum passt das, was wir auf den ersten Blick über Gerechtigkeit denken, nicht zu dem, was uns hier der Apostel Matthäus mit seinem Gleichnis vermitteln will?

Liebe Gemeinde,

Lassen Sie mich etwas in die Gemeingütertheorie einsteigen:

Die Kernfrage ist: „Warum gelingt es einigen Individuen, sich zur Selbstverwaltung und Bewirtschaftung ihrer gemeinsamen Ressourcen zu organisieren, während andere scheitern? Wie gelingt Gemeinschaft? Was haben die selbstorganisierten sozialen Systeme, die nachhaltig sind, gemeinsam?“

Wir glauben an Gemeinschaft – so haben wir es eben gesungen.

Warum glauben Menschen an Gemeinschaft und sind dabei erfolgreich?

Dies ist eine der Kernfragen der Arbeit von Elinor Ostrom. Wer ist diese Frau Ostrom, die mich, von Beginn meiner Karriere an, begleitet und fasziniert hat?

Elinor Ostrom begründete mit ihrem Mann Vincent Ostrom den sogenannten „Ostrom Workshop in Politischer Theorie und Politikanalyse“ an der Indiana-Universität, USA. Aktuell - zum ersten Mal in seiner 50-jährigen Erfolgsgeschichte - massiv unter politischen Druck.

Ostrom erhielt 2009 zusammen mit Oliver Williamson den Nobelpreis für Ökonomie – wohlgemerkt nicht nur als erste Frau, sondern auch als erste Politikwissenschaftlerin – bis dato undenkbar.

Mit was beschäftigt sich also diese Grenzgängerin zwischen den Disziplinen, die immer hart darum kämpfte, zunächst das konkrete Problem und das Handeln der Menschen vor Ort verstehen zu wollen?

Das Nobelpreiskomitee begründete die Entscheidung so: Zitat: „Unter bestimmten Bedingungen ist Kooperation möglich: Ostrom widerlegte die Theorie, wonach Gemeinschaftseigentum von den Nutzern ausgebeutet wird und deswegen entweder staatlich reguliert oder privatisiert werden sollte“.

Ihre Kernfrage ist: Wie ist also gemeinschaftliches Handeln erfolgreich? Wie ist Gemeinschaft erfolgreich?

Dazu dienen 8 Bauprinzipien. Ostrom beschreibt in ihren 8 Prinzipien Bedingungen, unter welchen die Ressourcenbewirtschaftung erfolgreich ist und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass eine Allmende/eine Commons/ein Gemeingut nicht zugrunde gerichtet wird.

Diese Bauprinzipien sind die wesentlichen Bedingungen, mit denen die Regulierungen über Generationen hinweg aufrechterhalten werden können.

Für unsere Predigt greifen wir uns nur das Bauprinzip 2b heraus und fragen uns – was hat dies mit Fairness und Gerechtigkeit zu tun?

2b Die Aneignungsregeln sind abgestimmt auf die Bereitstellungsregeln

Was sind Aneignungs- und was sind Bereitstellungsregeln?

Aneignungsregeln sind Regeln, die die Menge der Ressourceneinheiten beschränken. Zuteilungsregeln: Zeit: Wann darf ich die Weide nutzen? Ort: Wo darf ich Bäume abernten? Technik: Welche Fangtechniken darf ich zum Fischen einsetzen, oder schlicht: Wie viel Wasser darf ich aus dem Kanal entnehmen?

Bereitstellungsregeln sind Regeln zur Bereitstellung des Ressourcensystems: Regeln des Beitrags zur erforderlichen Finanzinvestition in Infrastruktur (Steuerbeträge für unsere Straßen) oder zur Übernahme des Mähens des Grases auf einer Streuobstwiese oder investierte Arbeitszeit in die Säuberung der Kanäle oder der Reparatur der Fischernetze.

Wir stellen uns also einen Bewässerungskanal vor. Wasser, das wissen wir alle:  – in Zeiten des Klimawandels - eine nicht nur für die Landwirtschaft insgesamt knapper werdende Ressource. Hinzu kommt die zunehmende Variabilität der Niederschläge - also eine temporär knappe Ressource.

Wie sollen die Aneignungsregeln auf die Bereitstellungsregeln abgestimmt werden?

Bekommt jeder Landwirt gleich viel Wasser? Oder in Abhängigkeit von der angebauten Kultur so viel wie seine Anbaufrucht zum Ausreifen braucht – die einen insgesamt mehr, die anderen weniger? Oder so viel, dass auf jeden Fall die Saat aufgeht? Wie ist es in gemeinschaftlich organisierten Systemen geregelt, die als langjährig nachhaltig gelten?

a) Bewässerungsbeispiel: Wann ich wie viel Wasser bekomme, ist abgestimmt mit der Arbeitszeit oder dem Finanzbeitrag für die Instandhaltung und Überwachung der Bewässerungsinfrastruktur. Alle akzeptieren, dass jemand, der mehr Arbeit in die Reinigung und Instandhaltung investiert hat oder mehr Zeit in die Verhandlungen mit dem Landrat zur neuen Vertragsgestaltung der Kanalsäuberung, einen in diesem Verhältnis größeren Anteil an der knappen Ressource Wasser bekommt.

Nochmal bemerkt: Wenn die Ressource nicht knapp ist, braucht es keine Verteilungsregeln! (Was ist heute schon nicht knapp: Wohnraum? Platz in der Vorlesung?)

b) Auf eine Gruppenarbeit bezogen, liebe Studierende, die Sie als Studienleistung erbringen müssen, sei es eine Hausarbeit, ein Poster oder ein Referat, bedeutet das:

Vergibt der Dozent/die Dozentin eine Note für das Gesamtwerk und für jeden Teilnehmer der Gruppe damit die gleiche Note? Wir wissen, ein breites Feld für Trittbrettfahrermentalität jeglichen Ausmaßes! Oder vergibt der Dozent die Dozentin eine Note für jeden Einzelnen, nach Angabe, wer was beigetragen hat?

Wie machen wir das als Dozenten – liebe Kollegen und Kolleginnen?

Entsprechend der Arbeitszeit, der abgegebenen Seiten, dem analytischen Schweregrad des von jedem Einzelnen beigesteuerten Kapitels, oder entsprechend des Anteils an der mühevollen Ausarbeitung der PowerPoint Folien. In diesem Fall erhalten manche von Ihnen - liebe Studierende – mehr Punkte als andere - die im Verhältnis mehr in das Gesamtprojekt Gruppenhausarbeit hineininvestiert haben.

In letzteren Fall - so die empirisch belegte Theorie der Nobelpreisträgerin - empfinden Studierende und Wassernutzer es als fair und gerecht.

Hier sind wir also beim Thema der Universitätsgottesdienste in diesem Semester: „Fairness und Gerechtigkeit“

„Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt.“

Systeme, die nicht als „fair“ empfunden werden, werden von ihren Nutzern entweder boykottiert oder die Mitglieder treten aus, sind nur noch passive Mitglieder. Studierende bringen sich nicht mehr in das Seminar ein, kommen nicht mehr zu den Vorträgen anderer Seminargruppen oder wechseln sogar den Studiengang. Somit also nicht nachhaltig im Sinne der Bauprinzipien von Elinor Ostrom.

Was aber meint nun unser Predigttext? „Das ist nicht fair!“, klagen im Gleichnis jene, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Und sie klagen mit gutem Grund.

Hier scheint es doch um eine andere Gerechtigkeit zu gehen, nicht um die, die wir als Lehrende oft als Gerechtigkeitsmaßstab für die Beurteilung von Studierenden an den Tag legen, und nicht um die, die Wassernutzer an einem Kanal vor Augen haben, wenn sie miteinander auskommen wollen.

Als ich schon glaubte, meinen Vorlesungsinhalt nicht mit meinem religiösen Verständnis in Einklang zu bringen, wurde mir deutlich, dass es in diesem Gleichnis gar nicht um Recht und Gerechtigkeit geht.

Die Entscheidung, den Arbeitern der letzten Stunde auch den vollen Tageslohn zu zahlen, den die Arbeiter des ganzen Tages erhalten, erscheint auf den ersten Blick empörend ungerecht. Hier sind die Aneignungsregeln, die Entnahme eines Silbergroschens nicht im gleichen Verhältnis mit der Einheit der Bereitstellungsregeln für das Ressourcensystem Weinberg - in Stunden Arbeit. Dies empfinden Akteure als unfair und ungerecht. So sagt es auch die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Nach ihrer Theorie müsste das irgendwann das Gesamtsystem des gemeinschaftlichen Handelns, also die gemeinsame Arbeit und Instanthaltung des Weinbergs, zu Fall bringen.

„Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch Du hast Sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, fallen uns nicht auf Anhieb Personen ein, die signifikant weniger leisten, aber trotzdem mehr Anerkennung und gleich gute Noten erhalten. Würden Sie meinem spontanen Protest zustimmen, es als zutiefst ungerecht zu empfinden, wenn die Arbeiter, die seit dem frühen Morgen geschuftet haben, nicht mehr bekommen als diejenigen, die erst am Abend für ein Stündchen im Weinberg waren?

Das Gleichnis, das uns Matthäus hier erzählt, handelt von der Gerechtigkeit Gottes, die sich nicht nach menschlichen Maßstäben wie Leistung und Arbeitseinsatz, den üblichen Vorstellungen von Gerechtigkeit, richtet. Es geht hier um Barmherzigkeit.

Somit musste ich lernen, dass nicht die Theorien meiner geliebten Nobelpreisträgerin falsch sind, sondern sich auf einen anderen Bezugsrahmen beziehen. In unserem Predigtext geht es um die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Es geht darum, wer an der Berufung in das Reich Gottes teilhaben darf. Jeder, der sich dem Reich Gottes zuwendet – egal wann.

Ist es für uns als Lehrende nicht auch wunderbar, das Leuchten in den Augen von Studierenden zu sehen, wenn sich doch plötzlich die Puzzleteile zusammensetzen, durch ein Beispiel, das man noch in der letzten Stunde bringt? Die Einsicht, dass die Bereitstellung einer Welt mit weniger Klimawandel oder die Bereitstellung des Weltalls mit weniger unkoordiniertem Weltraumschrott oder die Bereitstellung der Ozeane mit weniger Plastikmüll letztlich genau denselben Regeln folgt wie die gemeinschaftliche Bereitstellung der Weide auf der Alm, die genug Futter bereithält für eine definierte Anzahl von Kühen. Ist es nicht unbedeutend, wann jemand hier für sich einen Erkenntnisgewinn erreicht? Hauptsache, das Interesse ist geweckt.

Alle werden belohnt, die irgendwann in ihrer Bachelor- oder Masterstudienzeit die intrinsische Motivation entdecken, plötzlich brennen für ein Thema, egal ob von Anfang an immer belesen und gut vorbereitet, oder am Schluss plötzlich beim Lernen für die Prüfung die Aha-Lampe angeht:

So sind meine Studierenden oft angetrieben durch eigenes Erleben des Scheiterns gemeinschaftlichen Handelns (Streit im Sportverein, Streit in der Einkaufskooperative, Streit in der Fachschaft). Sie sehen Parallelen zu einem Bauprinzip von Elinor Ostrom, Regeln der Gemeinschaft, die in Schieflage geraten waren. Ich freue mich über jede/n, der die Lehre von den Commons, die gemeinschaftlich genutzten oder bereitgestellten Güter und Ressourcensysteme, irgendwann spannend findet. Diese Form meiner Belohnung ist völlig unabhängig davon, wie wir Noten verteilen.

Erkenntnisgewinn ist etwas, das beide trägt, den Lehrenden und den Studierenden, unabhängig von der Fairness der Note und - wie im Gleichnis - unabhängig davon, zu welcher Stunde im Semester er erlangt wird.

Die Botschaft, die wir heute gehört haben, von der Gerechtigkeit Gottes, soll uns in den kommenden Wochen inspirieren und durch das Wintersemester leiten.

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