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Ismael (Gen 21,9-20)


Predigt von Prof. Dr. Michael Domsgen zum Semesterschlussgottesdienst am 04. Februar 2026


Liebe Studierende, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Liebe Gäste und Freunde unserer Universität,

„Du  bist ein Gott, der mich anschaut.“ Wir haben es gerade gesungen – diese  locker-flockige Melodie, die sich einprägt wie ein Ohrwurm. Leicht,  fast verspielt. Sie trägt. Sie ist wie ein Versprechen für die  vorlesungsfreie Zeit, die jetzt vor uns liegt.

Zugleich  gibt es eine andere Seite, die wir mit hören sollten, all das, worin  diese Melodie eingebettet ist, die tiefen Grunderfahrungen des Lebens.

Es  ist kein reines Sommerlied. Es ist ein Lied aus der Wüste. Aus der  Verzweiflung, wo alles zerfällt. Genau dort nimmt uns die Geschichte von  Hagar und Ismael mit. Es ist eine besondere Geschichte und in vielem  zugleich erschreckend alltäglich. Eine Verwandlungsgeschichte: vom  Unbeschwerten zum Dramatischen, aber auch vom Tod zum Leben, von der  Angst zur Befreiung.

„Du  bist ein Gott, der mich anschaut“, das wird Hagars Erfahrung. Aber es  gibt eine Vorgeschichte voller Misstöne. Lassen Sie uns eintauchen in  ihre Welt.

Wir  gehen in Abrahams Haus, zum Stammvater Israels. Ihm wurden viele  Nachkommen verheißen. Lange sah es überhaupt nicht danach aus. Isaak,  der lang ersehnte Sohn, kommt spät. So spät, dass Abraham und Sara wohl  selbst nicht mehr damit rechneten. Doch nun wird gefeiert. Isaak wird  entwöhnt von seiner Mutter Brust, ein Meilenstein, ein großes Mahl. Da  wird gelacht, gegessen und getrunken. Die Stimmung ist ausgelassen. Ganz  so, wie es sich gehört. Aber dann passiert etwas Unvorhergesehenes.  Sara sieht Ismael mit Isaak spielen. Zur Orientierung: Ismael, das ist  Abrahams erster Sohn. Er ist der Sohn Hagars, also der Sohn ihrer Magd.  Wir ahnen, das ist keine so ganz leichte Konstellation. Aber irgendwie  geht es. Patchwork funktioniert.

Doch  dann, bei diesem Fest für Isaak. Ein harmloses Bruder-Spiel zwischen  dem großen Ismael und dem kleinen Isaak, ein Rangeln, ein Toben. Für  Sara wird es zum Riss. „Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn! Der Sohn  der Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak!“ (V. 10). Ismael ist in  Saras Augen jetzt nicht mehr der heranwachsende Junge, der selbst noch  ein Kind ist. Er ist nur noch der Sohn der Magd, der zur Konkurrenz für  den eigenen Sohn werden könnte.

Abraham  ist zerrissen. Ismael ist doch sein Erstgeborener. Sein Fleisch. Dann  spricht Gott in der Nacht: Höre auf Sara – „Aber auch den Sohn der Magd  will ich zu einem großen Volk machen“ (V. 12–13). Am frühen Morgen:  etwas Brot, ein Wasserschlauch auf Hagars Schulter, das Kind. Sie gehen.  In die Wüste Beerscheba.

Die  Sonne brennt. Der Schlauch ist leer. Hagar legt den Knaben unter einen  Strauch, nicht grausam, sondern erschöpft, schützend. Setzt sich einen  Bogenschuss entfernt hin. „Ich kann das Sterben des Kindes nicht  mitansehen“ (V. 16). Sie weint. Der Junge wimmert.

Manchmal  ist es einfach zu viel. Da kann man auch das Leid der Liebsten nicht  mehr sehen und hören. Hagar weint. Ismael auch. Dann herrscht Stille. Es  ist der Tiefpunkt.

Die erste Wandlung: Gehört werden – Was ist mit Dir, Hagar?

Genau  hier setzt die erste Wandlung ein. In die ausweglose Lage kommt  Bewegung. Jetzt bricht etwas ein. Nicht mit Donner. Eher unaufgeregt und  doch klar. Eine Stimme vom Himmel, ein Bote Gottes: „Was ist mit dir,  Hagar? Fürchte dich nicht. Gott hat die Stimme des Knaben gehört, dort  wo er liegt“ (V. 17).

Eine  unscheinbare Frage, und doch eine, die Raum öffnet. „Was ist mit dir?“  Kein: „Wie konntest Du das zulassen?“ Kein „Glaub fester!“ Stattdessen:  Zuwendung, ein offenes Ohr.

Gott  hört zuerst das Kind. Den Ausgestoßenen. Den, der keine Worte hat. Und  Hagar? Sie hat geschwiegen. Sie hat nicht gebetet. Sie konnte nur noch  weinen. Aber das reicht. Gott hört. Zuerst Ismaels Stimme. Dann spricht  er Hagar an.

Was  ist mit dir, Hagar? Diese Frage wandelt die Wüste. Plötzlich ist sie  nicht leer. Jemand ist da. Schaut hin. Hört zu. Ganz leise, aber doch  hörbar schleicht sich die Melodie aus unserem Lied ein: „Du bist ein  Gott, der mich anschaut“. Das Dunkle wird hell. Nicht weil die Wüste  weggeht, sondern weil ein Ohr da ist. Wandlung beginnt im Zuhören.

Lassen  Sie uns einen Moment nehmen zum Nachdenken. Lassen Sie uns überlegen,  wo uns die Worte fehlen, wo wir uns danach sehnen, dass uns jemand  zuhört. Vielleicht in der Unsicherheit, ob das Studienfach, das ich mir  gewählt habe, wirklich das richtige ist. Vielleicht in der Sehnsucht  darüber zu sprechen, was mich erdrückt und mir Angst macht. Vielleicht  aber auch im Nachspüren dessen, wo ich es verpasst habe aufzumerken und  zuzuhören. „Was ist mir dir?“ Gott hört. Und ruft uns in dieses Hören  hinein.

Nehmen  wir uns also ein paar Sekunden, in die Wüsten unseres Lebens zu  schauen. Was schreit da leise? [Pause, untermalt von der Orgel]

Die zweite Wandlung: Sehen – „Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah“

Die Frage hallt nach. Aber Gott wandelt tiefer. Nicht nur Hören und Gehört werden. Sondern Sehen: „Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah“ (V. 19).

Hagar  sitzt da, die Augen voll Tränen. Blind vor Angst, Erschöpfung. Die  Wüste ein Meer aus Sand – leer, tödlich. Nur Durst. Tod.

Und Gott greift ein. Er macht Sara zur Mitsehenden.

Das  ist die zweite Wandlung. Nicht die Wüste ändert sich. Der Brunnen war  da. Aber Hagar kann ihn erst jetzt sehen. Sie schöpft. Gibt Ismael zu  trinken. Steht auf. Da ist sie wieder unsere Melodie. Sie passt perfekt.  "Du bist ein Gott, der mich anschaut." Hagar nennt Gott an anderer Stelle  „El-Roi" – Gott des Sehens (Gen 16,13). Gott öffnet Augen. Für Brunnen  mitten in der Wüste.

Ein  eindrückliches Bild. Wandlung durch Sehen. Auch das ist uns nicht  unbekannt. Die Professorin, die ein offenes Ohr hat für die Zweifel der  Studierenden. Die Idee im Seminar, die jetzt so ganz deutlich vor Augen  steht. Die WG, die einen am Abend im gemeinsamen Essen mit dem Gefühl  des Geborgenseins erfüllt. Das lässt sich schnell übersehen, weil so  viel anderes auf uns lastet. Unsichtbar, solange bis die Augen aufgehen.

Die  Empathie, die Menschen füreinander aufzubringen bereit sind, die Fremde  zu Vertrauten macht. Der Brunnen großer und kleiner Ideen für das  Gelingen unseres Lebens, die da sind, während wir hadern und nur  Probleme sehen.

Psalm 34 hat es uns vorgesprochen: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten“ (Ps 34,16). Gott öffnet unsere Augen für Brunnen im Dürre-Land. Er macht uns zu Mitsehenden.

Lassen  Sie uns schauen und entdecken: Welcher Brunnen könnte vor uns liegen,  bisher verborgen und doch da? [Pause, untermalt von der Orgel]

Die dritte Wandlung: Aufstehen aus der Wüste – Gerechtigkeit (er)leben

Hagar  sieht. Sie steht auf, schöpft. Das Kind trinkt. Ismael wächst. Er wird  Bogenschütze und Vater eines Volkes. Die Sklavin Hagar: Stammmutter. Die  Wüste Beerscheba: Heimstatt. Das ist die dritte Wandlung.

„Es  mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in  Trümmer brechen“ (EG 378, 1). Das werden wir gleich miteinander singen.  Was Hagar und Ismael galt, ist auch Gottes Versprechen an uns: Du wirst  gehört. Lass Dir die Augen öffnen, stehe auf und gehe los.

Gehört werden. Sehen. Aufstehen.

Wenn Gott Hagars Augen für den Brunnen öffnet, dann öffnet er auch unsere Augen  für Orte, an denen Leben auf dem Spiel steht, nicht nur persönlich,  auch öffentlich, politisch. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf  diejenigen, denen der Zugang zum Brunnen versperrt wird. Und er fragt  uns als Gesellschaft: „Was ist mit dir?“, wenn wir auf Geflüchtete,  prekär Beschäftigte, am Rande Stehende blicken, oder auf vom Klimawandel  bedrohte Regionen, vom Krieg geschüttelte Länder.

Die  Geschichte von Hagar und Ismael ist nicht nur Trost für Einzelne in der  Wüste, sondern eine Zu-Mutung an uns alle: Werdet zu Menschen und  Institutionen, die Brunnen sichtbarmachen und zugänglich halten. Lasst nicht zu, dass einige am Rand verdursten, während andere am Festtisch sitzen.

In  den Universitätsgottesdiensten haben wir in diesem Semester über  Gerechtigkeit nachgedacht. Gerechtigkeit geht nicht im richtigen Denken  auf. Sie ruft nach rechtem Tun. Die Ismael-Geschichte zeigt uns dafür  die notwendigen Wandlungen: Hören lernen. Augen öffnen. Gerechtigkeit  tun. Für und mit denen, die keine Stimme haben, die nicht gehört  werden.

Fürchte dich nicht – sagt Gott zu Hagar.
Vielleicht sagt er zu uns heute: Fürchtet euch nicht vor der Wandlung, die nötig ist, damit mehr als nur einer trinken kann.

Du,  Gott des Sehens höre unsere Wüsten. Öffne unsere Augen für Brunnen, die  da sind. Wandle uns zu Gerechten, die daraus schöpfen und teilen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre uns Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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