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Harmagedon (Offb 16,12-21)


Predigt von Dr. Conrad Krannich im Universitätsgottesdienst am 14. Juni 2026 in der Laurentiuskirche


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UGD_Predigt_26_06_14.pdf (91,1 KB)  vom 23.06.2026

12 Und der sechste goss aus seine Schale auf den großen Strom Euphrat; und sein Wasser trocknete aus, damit der Weg bereitet würde den Königen vom Aufgang der Sonne. 13 Und ich sah aus dem Rachen des Drachen und aus dem Rachen des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, gleich Fröschen; 14 es sind Geister von Dämonen, die tun Zeichen und gehen aus zu den Königen der ganzen Welt, sie zu versammeln zum Kampf am großen Tag Gottes, des Allmächtigen. – 15 Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig ist, der da wacht und seine Kleider bewahrt, damit er nicht nackt gehe und man seine Blöße sehe. – 16 Und er versammelte sie an einen Ort, der heißt auf Hebräisch Harmagedon. 17 Und der siebente Engel goss aus seine Schale in die Luft; und es kam eine große Stimme aus dem Tempel vom Thron, die sprach: Es ist geschehen! 18 Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner, und es geschah ein großes Erdbeben, wie es noch nicht gewesen ist, seit Menschen auf Erden sind – ein solches Erdbeben, so groß. 19 Und aus der großen Stadt wur-
den drei Teile, und die Städte der Völker stürzten ein. Und Babylon, der Großen, wurde gedacht vor Gott, dass ihr gegeben werde der Kelch mit dem Wein seines grimmigen Zorns. 20 Und alle Inseln verschwanden, und die Berge wurden nicht mehr gefunden. 21 Und ein großer Hagel wie Zentnergewichte fiel vom Himmel auf die Menschen; und die Menschen lästerten Gott wegen der Plage des Hagels; denn diese Plage ist sehr groß.

Im Frühjahr 2017 reist der Schriftsteller Martin Mosebach nach Ägypten. In dem
Dorf El-Or will er die Familien von einundzwanzig Männern kennenlernen,
allesamt koptische Christen. Terroristen des sogenannten Islamischen Staates
hatten sie an einem Strand in Libyen enthauptet. Vielleicht erinnern Sie sich an
die Berichterstattung. Schrecklich, schwer zu vergessen.
Mosebach findet die Familien und staunt: „Ich betrat kein Trauerhaus“, schreibt
er [Lit. s.u.]. „Beileids- und Mitleidsbekundungen waren fehl am Platz […]“ „[Die]
Ehemänner, Söhne und Brüder hatten die erstaunlichste unter allen möglichen
Transformationen erlebt – sie waren als arme Wanderarbeiter ausgezogen […]
aber sie waren Heilige geworden und waren nun […] gegenwärtiger als je zuvor
[…] Durch die Hinnahme eines grausamen Todes waren [… sie] wunderbar
erhöht worden. Die Verwandten maßten sich nicht an, an dieser Erhöhung
teilzuhaben, aber sie blickten mit ruhigem Stolz auf die Getöteten.“
Und entsprechend gestaltet sich auch die Erinnerung dieser Heiligen: bildlich
dargestellt als Chor bekrönter Märtyrer umgeben sie den Weltenherrscher
Christus, den Pantokrator. Es ist, als bekämen die Bilder der Offenbarung ein
koptisches Antlitz.
Das alles mutet fremd an: die Verherrlichung dieses grausamen Todes der 21
koptischen Männer, diese verstörende Zuversicht ihrer Familien. Man kann das
ablehnen als Ausdruck einer Frömmigkeit, die nicht unsere ist.
Ich stelle diese Einblicke meinen Gedanken zur Offenbarung voran. Denn ich
lese die Offenbarung als ein Trostbuch von Verfolgten für Verfolgte, von
Märtyrern für Märtyrer. Es ist m. E. wichtig, sich das klarzumachen und
probeweise diese Perspektive einzunehmen, gewissermaßen als Gehhilfe und
Sehhilfe, um sich dieser Schrift zu nähern, dieser viel zitierten, für alles Mögliche
in Anspruch genommenen, zerfledderten Schrift der Offenbarung. Steigen wir
ein.
Bis an den Fluss Euphrat erstreckt sich das Römische Reich Ende des
1. Jh. n. Chr.: administrativ, militärisch und auch ideologisch. Staatstragender
und allgegenwärtiger Teil der Selbstinszenierung des römischen Imperiums ist
der Herrscherkult. Die verstorbenen Kaiser werden als Staatsgötter in eigens für
sie errichteten Tempeln verehrt. Statuen von ihnen begegnen an jeder
Straßenecke. Im Herrscherkult wird der Kaiser als Gottheit vergegenwärtigt. Zu
Ehren der Kaiser feiern die Menschen große Volksfeste mit Sportveranstaltungen
und Festmahlen [vgl. Wengst, s.u.].
Die Eliten in den von Rom unterworfenen Gebieten dulden den römischen
Kaiserkult nicht nur als Praxis derer, die gerade das Sagen haben. Sie
übernehmen ihn begeistert [vgl. Moore, s.u.]. In der Provinz Asien – der
heutigen Türkei – entbrennt ein regelrechter Überbietungs-Wettstreit. Ganz
vorn mit dabei sind Städte wie Sardes, die im ersten Teil der Offenbarung
prominent erwähnt werden. Die Städte richten Opferfeste zu Ehren von
Kaisersöhnen aus. An diesem Tag sollen sich alle schick machen und ihre Häuser
mit Lorbeerkränzen schmücken. Eide werden auf den Kaiser abgelegt. Und wer
eine Kaiser-Statue beim Vorbeigehen nicht durch Handkuss ehrt, macht sich
verdächtig.
Wie schwer mag es gewesen sein, sich diesem allgegenwärtigen Staats-
Hokuspokus zu entziehen?
Lebenserfahrungsmäßig kommen da wohl die am nächsten ran, die erlebt
haben, wie das hierzulande vor 1989 war: der Spagat zwischen der
Kommunikation im engsten Familienkreis und draußen im Betrieb, die ständige
Selbstbefragung, was kann ich mitmachen und wo muss ich standhaft bleiben,
damit ich noch in den Spiegel schauen kann, – koste es, was es wolle. Ich ahne,
dass dieser Spagat sogar einigermaßen funktionieren kann, solange, bis Kinder
ins Spiel kommen. Dann stellen sich viele Fragen nochmal neu: Wie halte ich
meine Kinder von den Jugendorganisationen fern? Konfirmation statt
Jugendweihe oder gerade nicht? Ich kann auf Karriere verzichten, aber darf ich
das für meine Kinder entscheiden?
Ich selbst war 6 Jahre, als die Mauer gefallen ist. Ich habe gut reden, und einen
großen Respekt habe ich vor denen, die echte Entscheidungen zu treffen hatten,
als das hierzulande wirklich was gekostet hat.
Solche Entscheidungen Ende des 1. Jh. n. Chr. zu treffen, konnte nicht nur
gesellschaftliche Teilhabe und die Karriere kosten, sondern auch das Leben. Sich
dem Kaiserkult zu entziehen, weckt das missgünstige Interesse der Nachbarn.
Aus Argwohn wird Verdacht wird Anzeige.
Es war im Sommer des Jahres 111 und die Schrift der Offenbarung vermutlich
längst in Umlauf, als die römische Ämterlaufbahn den Senator Plinius ans
Südufer des Schwarzen Meeres verschlägt, in die Provinz Pontus Bithynien.
Plinius ist erst wenige Monate Statthalter, als er sich auf einmal mit Christen
befassen muss. Völlig überfordert schreibt Plinius an Kaiser Trajan, er habe keine
Erfahrung mit Gerichtsverhandlungen gegen Christen; er wisse gar nicht, wie
man das untersuchen und beurteilen müsse.
„Vorerst bin ich bei denen, die mir als Christen angezeigt wurden, so
vorgegangen“, schreibt Plinius. „Ich habe sie gefragt […] Wer gestand, den habe
ich unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt; blieb
er dabei, ließ ich ihn abführen. Denn […] Eigensinn und Halsstarrigkeit müssen
bestraft werden.“
Die Anklagen gegen Christen nehmen zu; Plinius setzt die Verfahren erstmal aus
und wartet auf Antwort des Kaisers.
„Du hast […] die richtige Haltung eingenommen“, schreibt der wenig später.
„Wenn sie angezeigt und überführt werden, soll man sie bestrafen, doch so, daß
demjenigen, der leugnet, ein Christ zu sein, und dies durch die Tat offenbar
macht, das heißt, indem er unseren Göttern opfert […] Verzeihung gewährt
wird.“
Eine sehr alltägliche Herausforderung bestand für die Christen im 1. Jh. darin,
wie sie sich zu den Feierlichkeiten an den Tempeln verhalten sollten. Dort
fanden auch Familienfeste statt und die Jahresversammlungen von
Handwerkerschaft und Gewerbetreibenden. Und immer gab es dort Fleisch von
Tieren, die rituell geschlachtet worden waren – sog. Götzenopferfleisch. Die
Alternativen: Essen oder nicht? Gute Miene zum bösen Spiel oder soziale
Isolation und schlimmstenfalls wirtschaftlicher Ruin?
In anderen Schriften des Neuen Testaments, den Briefen von Paulus, wird diese
Frage kontrovers verhandelt. Paulus sagt: Fragt nicht nach, aber nehmt
Rücksicht auf die religiösen Gefühle eurer Glaubensgeschwister.
Und offenbar gibt es auch in den Gemeinden, an die sich die Offenbarung
wendet, viele, die einen Mittelweg suchen, im Sinne von: „Ist eine
gesellschaftliche Konvention; glaubt eh keiner dran. Wieso sollte mich ein Stück
Fleisch von Jesus trennen?“
Der Autor der Offenbarung ist da kompromisslos. Einen Herrscher als Gott
verehren, das ist Teufelswerk. Und wer sich auch nur einen Millimeter Richtung
Herrschaftsideologie bewege, und sei es kulinarisch, der wird zum „Komplizen
der Sünde“ (18,4).
Auch dieser Position können viele etwas abgewinnen. Es gibt kein gutes Leben
im falschen. Sie nehmen die Konsequenzen in Kauf. D.h., sie zahlen mit ihrem
Leben. Illoyalität bestraft der eitle römische Herrschaftsapparat nämlich
gnadenlos: Einzug des Vermögens und Verlust des Bürgerrechts, Sklavenarbeit,
bestenfalls Verbannung. Meistens aber mussten sie sterben: Die einfachen
Menschen werden gekreuzigt oder in der Arena beim Kampf verheizt. Menschen
von Rang und Namen werden enthauptet. – Im Vergleich zu dem, was
Menschen anderen Menschen zufügen, sind die Bilder der Offenbarung eine
Gute-Nacht-Geschichte.
Die Offenbarung ist eine Schrift an diejenigen, von denen all das Blut kommt,
das an den Händen Roms klebt. Und was in der Offenbarung prophezeit wird,
ist ihnen ein Trost, der sich in 22 Kapiteln als kosmisches Drama entfaltet, und
das geht so:
Das Böse ist real, und es ist mächtig. Aber die Geschichte läuft auf das Gute zu.
Während die bekannte Welt zwischen Gewalt und Verheißung zu taumeln
beginnt, öffnet, der dazu bestimmt ist, die Siegel der Geschichte. Mächte
werden sich erheben wie Bestien. Sie werden wüten, doch ihr Lärmen wird Gott
nicht übertönen. Gott vergisst nicht. Die Tränen, Klagen, all das vergossene Blut
werden zum Himmel aufsteigen. Und Gott hat die Fäden in der Hand, auch
wenn alles fällt.
Alles wird fallen, auch was jetzt unbesiegbar scheint – Rom, die große Hure
Babylon – wird fallen, die Masken der Herrscher werden fallen und die Götzen.
Die Welt, wie ihr sie erlebt und erleidet, sagt der Seher der Offenbarung, wird
zugrunde gehen, qualvoll. Sieben Siegel, sieben Posaunen, sieben Schalen voller
Not und Tod. Und dann wird die Schöpfung aufatmen wie nach einem langen
Fiebertraum. Himmel und Erde werden neu geschaffen. Gott wird bei den
Menschen wohnen. Wir werden Teil davon sein, wenn wir jetzt standhaft
bleiben.
Und Harmagedon? Ist ein Problem, dem ich mich noch immer nicht gestellt
habe. Weil es nur eine Etappe in dem apokalyptischen Drama ist – eine, die für
die Offenbarung selbst gar nicht so zentral scheint. In einem Nebensatz redet
sie von Harmagedon. Wer sich da genau gegen wen versammelt und welcher
Ort damit genau gemeint ist, das lässt sich gar nicht zweifelsfrei sagen. Vielleicht
ist die Ebene von Megiddo gemeint, ein bedeutender historischer
Kriegsschauplatz des alten Israels, aber vielleicht auch nicht.
Aber gerade weil die Offenbarung zu Harmagedon fast nichts sagt, lässt sich so
gut darüber spekulieren und so viel hineinlesen. Das tun Menschen. Ungefähr
ein Drittel der US-Amerikaner wartet gerade auf den Weltuntergang. Viele von
ihnen, darunter Tech-Magnaten und evangelikale Militärs glauben, dass der
Endkampf bereits im Gange sei und die Offenbarung der Fahrplan der
Weltgeschichte. Was mich daran besorgt: Wie sicher die sich ihrer Sache sind;
wie genau die wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind, wer der Antichrist
ist und wer der in die Welt Gesandte, diesen aufzuhalten (Katechon).
Das ist wahnsinnig – aber nicht neu. Immer wieder wurden die Gegner mit dem
Bösen und Bestialischen in der Offenbarung identifiziert. Im 16. Jahrhundert
verstiegen sich einige Protestanten in die Idee, gemeinsam mit den Juden in die
Endschlacht gegen die römisch-katholische Hure Babylon zu ziehen. Die
Gegenreformation drehte das dann um.
Vielleicht wird die Offenbarung so gerne und von so vielen für so
unterschiedliches in Anspruch genommen, um sie von sich fernzuhalten; um
bloß nicht zu denken, dass ich es ja selbst sein könnte, der die Räder der
Gewaltherrschaft mit dreht.
Je mehr ich mich mit ihr beschäftige, desto weniger gelingt das, sie von mir
fernzuhalten, und zwar aus einem ganz anderen Grund. Inmitten der
prophetischen Sprache und der verstörenden Visionen finden sich in der
Offenbarung zahlreiche Hymnen und Gebete. Einige davon sind Teil der Liturgie
geworden.
Es ist ein himmlischer Gottesdienst, in dessen Rahmen sich das kosmische
Drama entfaltet. Sorgfältig wie Priester im Jerusalemer Tempel gehen die Engel
mit Schalen und Räuchergefäßen um. Jeder Handgriff schreibt sich ein in die
Geschichte der Welt, schreibt die Zeit fort. Die Offenbarung – ein Gottesdienst.
War sie womöglich sogar dazu bestimmt, im irdischen Gottesdienst rezitiert zu
werden, auf dass sich die Gebete und Hymnen der Gemeinde mit dem
immerwährenden himmlischen Gottesdienst verbinden?
Die Offenbarung entspringt dem intimen Gespräch zwischen Gott und Mensch
und dort entfaltet sie ihre Kraft. Sie ist ein Gebet gegen die Hoffnungslosigkeit,
eine Vergewisserung, dass es Zukunft gibt für eine Welt, die immer gerade aus
den Fugen zu geraten scheint. Sie erinnert daran, dass jedes Rom, jedes
Babylon, wo es auch seine Macht errichtet, schon sein Ende in sich trägt. Sie
weist dem Blick die Richtung, um durch Not und Tod hindurch neues Leben zu
erahnen.
Die Märtyrer haben das immer verstanden.

Literatur:
Martin Mosebach, Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer, Hamburg
2018, S. 98–100; Klaus Wengst, Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte
mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert, 2. Aufl., Gütersloh 2021, S. 229–244;
Stephen D. Moore, The Revelation to John, in: Fernando F. Segovia und R.S.
Sugirtharajah (Hgg.), A Postcolonial Commentary on the New Testament
Writings, London 2009, S. 436–454; David Frankfurter, Die Offenbarung des
Johannes, in: Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Stuttgart 2021, S. 572–575.

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