Gerechtigkeitsstrom (Am 5,21-24)
Predigt von PD Dr. Johannes Thon im Universitätsgottesdienst am 06. Januar 2026 in der Laurentiuskirche
Gnade sei mir euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Universitätsgemeinde,
wenn ein neuer König geboren wird, dann knüpfen sich daran Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Denn für Gerechtigkeit zu sorgen, ist die Aufgabe des Königs. Das haben wir vorhin miteinander im Psalm gebetet (Psalm 72). Und jetzt eben haben wir im Evangelium (Matthäus 2) gehört, wie die Weisen aus dem Osten, diesem neuen König huldigen wollten. Die Geschichte führt uns aber vor allem auch vor Augen, dass Könige an ihrer Aufgabe scheitern. Dass sie – wie Herodes – aus Angst vor Machtverlust zur Gewalt greifen. Von einer Oberschicht, die ihrer Aufgabe, für Recht zu sorgen, nicht gerecht wird, spricht auch Amos in unserem Predigttext (Amos 5,21-24), indem er Gott zu Wort kommen lässt mit einer erschütternden Verwerfung des Gottesdienstes:
„Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen.
Und wenn ihr mir auch Brand- und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran
und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Liebe Universitätsgemeinde,
was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Wo ist die Verbindung? In beiden Fällen geht es um Gemeinschaft!
Zu dem Stichwort Gerechtigkeit habe ich Ihnen hier eine Art Vokabelkärtchen mitgebracht. Da steht oben das hebräische Wort ṣadīq, „Gerechter“, und darunter das damit verwandte arabische Wort ṣadīq. Das arabische Wort heißt aber: „Freund“. Aus dieser Näher der beiden semitischen Sprachen wird etwas deutlich für die Bedeutung des biblischen Gerechtigkeitsbegriffes: Es geht nicht um Abrechnung, sondern um ein Verhalten, das Gemeinschaft fördert. Gerechtigkeit ist „Gemeinschaftsgemäßheit“! Was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Es geht um gelingende Gemeinschaft.
Amos kritisiert in diesem Gotteswort die Feste Israels mit Opferhandlungen und Gesang. Er sieht eine militärische Katastrophe aufziehen und erklärt dieses kommende Unheil mit dem Mangel an Gerechtigkeit. Worum geht es? Opfern bedeutet Schlachten. In der älteren Zeit ist das im alten Israel identisch: Immer wenn ein Tier geschlachtet wurde, geschah das zum Einen, um alle satt zu kriegen. Zum Andern war es gleichzeitig eine religiöse Handlung. Es wurde Gott gedankt und ein Anteil auf dem Altar verbrannt (so oder ähnlich). Opfern ist Schlachten, und es ging darum, ein ganzes Dorf satt zu kriegen. Aus praktischen Gründen beinhaltete das immer Gegenseitigkeit. Denn das Schlachten ging reihum. Das Fleisch musste ja auch aufgegessen werden! Und bei der nächsten Gelegenheit würde jemand anders ein Lamm spenden und alle einladen. Die Grundidee ist Gemeinschaft – und zwar zu dem Zweck, dass alle satt werden.
Was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Es geht um Gemeinschaft. Das ist im Grunde auch bei unseren christlichen Gottesdiensten so. Wir kommen zusammen, singen miteinander und oft schließt sich ein gemeinsames Essen an, eine Agape zum Beispiel. In den Dörfern des Saalkreises, wo ich als Pfarrer tätig bin, erlebt man das ganz praktisch zum Beispiel bei den sogenannten „Leichenschmäusen“ im Anschluss an den Trauergottesdienst. Aus familiärem Anlass wird ein gemeinsames Essen gestiftet. Oder – vielleicht passt das besser: Heute früh haben wir in Niemberg zum Epiphanias-Tag eine Familien-Kirche gefeiert, und im Anschluss gab es einen „Mitbring-Brunch“. Jeder bringt etwas mit und am Ende werden alle satt.
Was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Es geht um Gemeinschaft. Der Prophet Amos kritisiert den Opferkult. Nicht weil er falsch durchgeführt wird, nicht weil falschen Göttern gedient würde, nicht weil er etwas gegen Tier-Opfer hatte. Nein, er prangert die soziale Ungerechtigkeit an. Deshalb kann Gott keinen Gefallen an Opferfeiern haben. Die Zeit des Amos war eine Zeit des Aufschwungs. Unter Jerobeam II (im 8. Jahrhundert vor Christus) gelangte das Reich Israel (das Nordreich) zu einer großen Blüte. Archäologisch sind deutlich Spuren für eine starke staatliche Organisation nachweisbar. Zum Beispiel Lagerhallen für die Aufbewahrung von Naturalabgaben. Der Aufschwung und der wachsende Reichtum einiger hatte aber eine Kehrseite: Die soziale Schere ging weit auseinander. Die einen vereinigten in ihren Händen die Produktionsmittel und drängten die Ärmeren durch die geforderten Pachteinnahmen immer weiter in die Armut. Am Ende wurden sie in Schuldknechtschaft verkauft. Amos sagt: „Ihr verkauft den Gerechten für Geld und den Armen für ein Paar Schuhe.“ (Amos 2,6) Dieses System der Ausbeutung dominierte die ganze antike Welt. Man nennt es „Rentenkapitalismus“.
Auch Amos war Bauer (Amos 1,1; 7,14). In dieser Zeit des Bauernkriegsgedenkens könnte man mit ihm auch einen Bauernprediger wie Thomas Müntzer assoziieren – aber da sind auch markante Unterschiede. Die Ausleger sind sich ziemlich einig darin, dass Amos als Viehbesitzer eher auch zu den wohlhabenderen Kreisen gehörte. Trotzdem oder gerade deshalb wurde ihm das Missverhältnis zwischen der sozialen Not und dem Luxusleben der Elite bewusst. Sie bedienten sich einfach an den gut gemästeten Tierbeständen (Amos 6,4) und schlachteten, wann sie wollten. Und wahrscheinlich haben sie diese auch immer als Opferhandlungen vollzogen – aber eben nicht mehr alle am ihrem Reichtum teilhaben lassen.
Meine Damen und Herren, vielleicht ärgern sich manche von Ihnen, dass ich die Idee von Gerechtigkeit so sehr an der Schlachtung von Tieren festmache. Damit greife ich zunächst einmal die Lebenswelt des alten Israel auf. Aber es legt auch den Finger in die Wunde. Amos kritisiert den übermäßigen und rücksichtlosen Fleischgenuss der Oberschicht. Und das verweist auf unseren eigenen Lebensstil, bei dem wir die Ressourcen der Welt rücksichtslos ausbeuten. Dass wir täglich Fleisch konsumieren, ist ein riesiges Problem. Es geht eben auch um Klimagerechtigkeit.
Was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Jetzt ist es vielleicht schon deutlich: Es geht um Gemeinschaft. Wir kommen zusammen, damit alle satt werden. Im Grunde zelebrieren wir Solidarität. Aber es bleibt nicht bei der Gemeinschaft des Dorfes. Immer nehmen wir auch Gott mit hinein und erweitern dadurch unseren Horizont. Im Alten Orient hat man jeden Tempel als einen Ort verstanden, an dem sich Himmel und Erde berühren. Eine Art Weltachse, wo die himmlische und irdische Sphäre einander berühren. Auch unseren christlichen Gottesdiensten wohnt dieser Gedanke inne: Wenn wir nachher in der Abendmahlsliturgie das Dreimal-Heilig singen und dabei die Augen schließen, dann können wir nach der Beschreibung Jesajas (Jesaja 6) plötzlich den himmlischen Thronsaal sehen und die Engel, die Gott diesen Hymnus singen. Und wir stimmen mit ihnen ein. Ja immer, wenn wir im Gebet zusammen kommen, dann sprechen wir den Herrscher der Welt mit Du an und treten ihm sozusagen direkt gegenüber.
Wenn wir beten, ist Gott immer dabei. Und mit dem Blick auf ihn erweitern wir unsere Perspektive. Das wird für uns heute vielleicht viel deutlicher als im alten Israel. Denn die Dinge, die wir essen und anziehen, werden eben überall auf der Welt produziert und hierher geschafft und insofern stehen wir auch mit so vielen Menschen auf der Welt in Verbindung. Oft in einer sehr schuldhaften. Liturgie soll zu Gerechtigkeit führen. Und da ist immer wieder unser Ansatz, dass wir unsere Perspektive öffnen. Jeder kommt zum Gottesdienst und bringt etwas mit. Auch die Dinge, die wir auf dem Herzen haben. Wir tragen sie zusammen in der Fürbitte. Wir sammeln eine Kollekte, um an einer Stelle einen konkreten Impuls zu geben, wo eine Not herrscht. Und wir feiern die Gemeinschaft, weil wir damit die Hoffnung auf eine bessere Welt bauen und stärken wollen.
Man kann freilich auch wahrnehmen, dass nicht jeder Gottesdienst etwas Großes bewirkt. Und manchmal hat man sogar den Eindruck, dass es nur um Selbstbeweihräucherung geht. Da hören wir den Propheten mit seinem schneidenden Wort „ich hasse und verachte eure Feste“. Wir sollen ernst nehmen was wir tun. Was hat Liturgie mit Gerechtigkeit zu tun? Es geht um Gemeinschaft!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



