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Gekommenes Reich (Lk 11,14-20)


Predigt von Prof. Dr. Martin Illert im Universitätsgottesdienst am 03. Mai 2026 in der Laurentiuskirche


Sie finden die Predigt hier als PDF-Datei zum Herunterladen:
UGD_Predigt_26_05_03.pdf (78,2 KB)  vom 11.05.2026

I. Die amerikanische Psychoanalytikerin Beatrice Bebee beschäftigt sich mit Mikroanalysen von Interaktion. Beatrice Bebee betrachtet die Verständigung zwischen Säuglingen und ihren Bezugspersonen, meistens sind das bei ihr die Mütter. Wer einmal auf YouTube die Videos dieser Kommunikation jenseits der Sprache angeschaut hat, bleibt davon berührt: Wie schön, wie zerbrechlich und manchmal auch: wie entsetzlich das Interagieren vor und jenseits der Sprache sein kann!

Da gibt es Szenen, in denen Säugling und Mutter ein Lachen miteinander teilen und als Betrachter lächelst du mit. Neben dem Schönen siehst du Erschöpfung. In einigen Szenen so stark, dass du selbst beim Zusehen ermüdest. Dann andere Bilder, in denen das Baby unruhig wird, weil die Bezugsperson ihm keine Ruhe lässt, ihm nachsetzt, obwohl es sich doch weggedreht hat.

Und endlich gibt es auch solche Szenen, wo der Säugling Kontakt aufnehmen will mit einem Blick und vorsichtigem Lächeln den Blick seines Gegenübers sucht. Doch das Gegenüber kann den ersehnten Blick nicht geben, den der Säugling braucht. Denn die Bezugsperson ist in ihrer eigenen Dunkelheit verloren.

Weil sie aber meint, diese eigene Dunkelheit dürfe dem Kind auf keinen Fall zugemutet werden; weil sie denkt, was sie wirklich fühlt, dürfe sie auf keinen Fall mit dem Kind teilen, denn das schade dem Kind, deshalb bietet die Bezugsperson dem Kind etwas anderes als Ersatz: das mechanische Lächeln, das, so denkt sie, nicht zu tun hat mit dem, was in ihr vorgeht und das doch, der Betrachter ahnt es, mehr sagt als die Bezugsperson mitteilen will.

Das Kind spürt: Irgendetwas stimmt nicht an diesem Lächeln. Etwas Zwiespältiges geht von diesem Lächeln seines Gegenübers aus. Doch dem Säugling fehlen die Worte. Ihm fehlt Sprache, um sein Fühlen zum Ausdruck zu bringen. So beginnt das Baby zwei-, dreimal tief einzuatmen. Erst ist das Wimmern fast unmerklich, bald hörst du ein leises Weinen.

Die Bezugsperson spürt, dass das Kind spürt, etwas stimmt hier nicht. Doch weil sie selbst nicht wahrnimmt, was hier gerade zwischen ihr und dem Säugling geschieht; weil sie selbst nicht versteht, was es ist, das nicht zusammenpasst, deshalb meint sie, sie müsse jetzt ihr Signal vor allem verstärken.

So strafft sie ihr mechanisches Lächeln zur Maske. Da fällt das Kind in stärkeres Weinen. Für einen Sekundenbruchteil erschrecken beide, der Säugling und seine Bezugsperson, über einander. Fast scheinen ihre Gesichter jetzt zu verzweifeln, weil sie sich nicht erreichen. Dann siehst du als Betrachter dieser Mikroanalysen die beiden, jeden für sich allein, fallen. So fallen sie in eine bodenlose, wort- und sprachlose, eine namenlose Angst. Irgendwann mitten im Unerträglichen bricht die Szene ab. Du hörst noch die Worte: “I cannot do this”. “Ich kann das nicht.” Hier endet die Aufnahme.

II. Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.

Ich stelle mir vor, dass diese Geschichte etwas darüber sagt, wie wir manchmal in der Kirche mit der Angst und dem Leid unserer Nächsten und mit unserem eigenen Leid umgehen.

Ich stelle mir vor, der stumme Dämon aus unserer Geschichte sei eine wort- und sprachlose, namenlose Angst. Die Stummheit derer, denen es die Sprache verschlagen hat. Die Stummheit derer, keine Worte haben für das, was in ihnen vorgeht.

Ich stelle mir vor, die Worte der Leute, die sagen, Jesus könne die bösen Geister nur austrieben, weil er selbst mit dem Teufel im Bunde stünde, hätten unmittelbar mit der Angst und Sprachlosigkeit des Stummen zu tun.

Ich stelle mir vor, die Worte der Leute hätten die Angst verursacht. Ich denke an Situationen, wo der Vorwurf „mit dem Teufel im Bunde“ zu sein der Sorge entspringt, wer namenlose Angst anspräche, mache sie durch das Aussprechen erst groß und unbeherrschbar.

Ich denke an Situationen, in denen wir vielleicht manchmal denken, in unserer Kirchen- und vielleicht auch manchmal der Theologenwelt dürften auf keinen Fall Dämonen der Sprachlosigkeit existieren, sondern in unserer Gemeinschaft müssten ununterbrochen die Worte der Hoffnung zu hören sein – nicht, weil wir diese Hoffnung wirklich spüren, sondern weil wir befürchten, sobald wir aufhören zu sprechen, selbst von unserer eigenen Hoffnungslosigkeit überwältigt zu werden.

Ich denke daran, dass ich manchmal meine Kirche so erlebe, dass sie sich selbst gern und den anderen, ja der ganzen Welt zeigen, ja beweisen, will: bei uns ist das Positive. Die Leute brauchen das ja und wir geben es ihnen wie das Medikament in der Apotheke.

Wo das aber gar nicht so ist, denke ich, wo bei uns selbst mehr dunkles als helles ist, da kann diese unverdrossene Rhetorik des Positiven auf manche so wenig empathisch wirken wie die Interaktion bei den Aufnahmen von der Bezugsperson und dem Säugling: Beängstigend unstimmig und beängstigend unwahr. Denn es ist ja einfach nicht wahr, dass wir immer nur das Positive in uns tragen. Wo wir vergessen, so denke ich, dass wir doch auch das Negative, das Böse, das Falsche und unsere ganz eigene ekklesiale Hoffnungslosigkeit haben, da werden wir dies in, mit und unter der Rhetorik des Positiven und in, mit und unter der Rhetorik der Hoffnung als eine ganz eigene Dissonanz mit ausstrahlen.

Wo wir aber das Negative fühlen und das Positive aussprechen, da wird auch ein dröhnendes „Fürchte dich nicht“ den vor namenloser Angst stummen nicht die Angst nicht nehmen. Wo wir das Negative fühlen und das Positive verkündigen, könnte es geschehen, dass die von namensloser Angst ergriffenen vielleicht mit Apathie oder sogar mit einer Panikattacke auf unsere Appelle reagieren.

Würden wir uns dann ärgern, wenn wir merkten, dass die von uns Angesprochenen genau die Angst austragen, die wir uns selbst nicht eingestehen? Würden wir die vor Angst Apathischen ermahnen, sich jetzt zusammenzunehmen, weil es doch woanders viele Menschen, denen es schlechter geht als dir? Würden wir dann vielleicht sagen: „Mit welchem Recht bist ausgerechnet du eigentlich stumm vor Angst?“

Wäre das dann wie das beängstigend unstimmige Lächeln im Gesicht der Bezugsperson auf den Säugling in den Mikroanaylsen von Beatrice Bebee? Würden wir vielleicht, wenn unsere Appelle kein Gehör zu fänden, und uns Geduld ausgegangen ist, endlich autoritär auf die theologische Phraseologie zurückgreifen wie Psychiater auf die Produkte der pharmazeutischen Industrie? Würden wir dann Bonhoeffer und Sölle, Barth und Moltmann verabreichen, wie die Mediziner Clonazepam und Diazepam, um unser uneinsichtiges Gegenüber endlich zu sedieren? Das wäre dann wie bei dem Mitarbeiter im Kirchenamt der EKD, dessen Muttersprache nicht das Deutsche war und der mir mal sagte, wenn die Kollegen sehen, dass ich sie nicht verstanden habe, sagen sie einfach nochmal dasselbe zu mir, nur lauter als beim ersten Mal. Ob das hilft?

III. Eine Schlüsselszene unserer Geschichte ist für mich der Kontakt, die Berührung. Die entscheidende Szene ist aus meiner Sicht, dass Jesus den Stummen berührt. Das Gottesreich, sagt Jesus, käme mit dieser Berührung – es öffnet sich dort, wo wir uns wirklich trauen, Leid zu berühren. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Mir scheint, dass es hier um Verbindung geht: Verbindung durch aufrichtiges Wahrnehmen des Leides und Verbindung zu mir selbst durch Bereitschaft zur Berührung mit dem Leid, die immer nur möglich ist durch aufrichtige Selbstwahrnehmung. Wer das Leid dem Dämon der Stummheit berührt, erkennt, dass beides, Stummheit und Sprechen, zusammengehören. Es gibt ein Sprechen, das geschieht, um eigenes und fremdes Leid nicht wahrnehmen zu müssen. Wer dies Leid berühren will, braucht etwas, das man als „Epistemische Entsagung“ bezeichnen könnte. Nicht sofort die Schubladen der Deutung und Einordnung zu öffnen und nicht sofort ins Agieren zu kommen, ohne zuvor berührt und auch belehrt worden zu sein von der Erfahrung der Begegnung mit dem Gegenüber.

Der Dichter John Keats hat einmal die Fähigkeit der „negative capability“ beschrieben. „Negative“ meint nicht das, was die Kritiker Jesus diesem vorwerfen. Es meint nicht das im Bunde zu sein mit dem Bösen, sondern die Bereitschaft, unbesetzten und ungedeuteten Raum zu lassen zur Wahrnehmung. Um diese Negative Capability geht es, so stelle ich mir vor, auch in der Geschichte von der Austreibung des stummen Dämons.

Negative capability, so schreibt Keats, that is, when a man is capable of being in uncertainties, mysteries, doubts, without any irritable reaching after fact and reason. Dass jemand fähig ist, Unsicherheit, Ungeklärtes und Zweifel zu ertragen, ohne sofort dem Impuls nachzugeben nach der Begründung dafür, warum es so ist, wie es ist.

“Negative Capability”, das Unabgeschlossen-Lassen, der Verzicht auf die vorschnelle Deutung, auf das „irritable reaching after fact and reason“, auf den Impuls danach, sofort die Begründung zu liefern, warum es so ist, wie es ist. „Negative Capability“ ist das Bleiben beim Unverstandenen. Es ist die Bereitschaft, nicht schon Bescheid zu wissen, bevor ich überhaupt genau hingeschaut und Kontakt aufgenommen habe und nicht schon zu erklären, was Sache ist, bevor ich davon berührt worden bin. Negative Capability ist Verzicht auf das Reden, das mein Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen oder den Anflug meiner Traurigkeit übertönen soll. Und es ist Epistemische Entsagung, Beiseitelassen der bereits vorgefertigten Deutungen, um sich wirklich in der Begegnung berühren zu lassen durch das lebendige Gegenüber. Dazu gehört auch, mir selbst einzugestehen: dass ich das Leid der meisten Menschen, die mir begegnen, doch noch nicht verstanden, geschweige denn: gefühlt, mit-gefühlt, habe. Dazu gehört, nicht sofort davon sprechen, dass ihr Leid nicht zählt, weil es andere gibt, die mehr leiden oder gar, dass sie doch gar nicht leiden müssten, wenn sie nur dies und das und jenes täten oder dass wir alle gemeinsam nur so und so handeln müssten und schon gäbe es kein Leid mehr. Das ist um des Verstehens willen beim Unverstandenen zu bleiben, bis Empathie wird.

IV. Mir scheint, als Theologie und als Kirche sind wir manchmal gefangen sind in sehr unempathischen Narrativen rhetorischer Empathie. Mir scheint, wir bewegen uns in Narrativen, die schon vor jeder Begegnung nichts Unklares dulden und manchmal auch in Narrativen, die, um das Mitfühlen zu vermeiden sofort ins Agieren springen. Kann es sein, dass der Impuls sofort und überall Eindeutigkeit finden zu müssen, wo uns eigentlich der Durchblick fehlt, zusammenhängt mit Angst vor wirklicher Berührung. Kann es sein, dass es darum geht, niemals von eigener Angst und Trauer berührt zu werden und damit letztlich auch um Angst eigener Entwicklung?

Ich finde aber auch, dass wir als Christinnen und Christen in unseren Kirchen ganz eigene Orte haben, an dem wir uns von der Angst vor eigener Entwicklung befreien können. Einen eigenen Ort, an dem wir die epistemische Entsagung einüben können und die negative Capability praktizieren können. Diese Orte sind für mich: Meditation, Gebet und Begegnung.

Alles Beten und alles Meditieren ist für mich nichts anderes als eine fortgesetzte Einübung in dieses Sich-öffnen, um mich selbst aufrichtig und aufrichtig um mich herum wahrzunehmen. Alle Meditation ist für mich deshalb Vorbereitung zur Begegnung: Begegnung zuerst mit der eigenen Bedürftigkeit, der eigenen Angst und der eigenen Trauer, um so wirklich die Sinne zu schärfen für die empathische Wahrnehmung des Gegenübers, um so bereit zu werden, sich in der Begegnung mit dem Gegenüber berühren zu lassen und verändert zu werden. Ich wünsche uns deshalb, dass wir von Jesus lernen, beim Unverstandenen zu bleiben, anstatt es ohne zu zögern sofort mit den Phrasen der Deutung zu bewerfen, als wollten wir es zusammen mit aller Sprachlosigkeit und Traurigkeit in uns selbst möglichst weit von uns treiben, damit es niemals zur wirklichen Begegnung kommen kann. Und ich wünsche uns allen, dass beim Bleiben im Unverstanden ein Raum entsteht, in dem wir Leid in uns und anderen nicht zutexten müssen. Mögen wir dadurch für die Begegnung mit Gottes Heiligem Geist offen werden, sodass Veränderung an uns geschieht. Möge uns die Berührung mit dem Leid, dem eigenen wie dem fremden so tief verändern, dass das Reich Gottes für uns auf Erden schon hier und schon heute beginnt.

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