Friedensreich (Mi 4, 1-5)
Predigt von Universitätskanzler Alfred Funk im Universitätsgottesdienst am 17. Mai 2026 in der Laurentiuskirche
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UGD_Predigt_26_05_17.pdf
(176 KB) vom 25.05.2026
1 In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, 2 und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 3 Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. 5 Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!
Micha, einer der sogenannten „kleinen Propheten“, wird oft sowohl als Unheils- als auch als Heilsprophet bezeichnet. Das trifft insofern zu, als seine Texte beides enthalten: scharfe Gerichtsankündigungen – und große Hoffnungsbilder.
Und vielleicht liegt gerade darin ihre bleibende Kraft. Denn auch wir erleben eine Zeit, in der beides nebeneinandersteht: Verunsicherung und Hoffnung. Gewalt und Sehnsucht nach Frieden. Zerstörung und zugleich die Frage, ob dennoch Neues entstehen kann.
Ich möchte mich deshalb heute mit vier Gedanken zu Micha äußern:
1) Gibt es Parallelen zwischen diesem mehr als 2500 Jahre alten Text und unserer Gegenwart?
2) Bedeutet Erneuerung, dass zuvor alles zerstört werden muss?
3) Können uns große Werke der Literatur helfen, die Lesung aus dem Michabuch besser zu verstehen?
4) Und schließlich: Genügt bloßes Gottvertrauen, damit sich etwas zum Besseren wandelt?
- 1) Gibt es Parallelen zwischen diesem über 2500 Jahre alten Text und dem, was wir jetzt gerade erleben?
„In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, feststehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.“
Was wir sicher sagen können ist, dass Micha kein „Endzeit-Prophet“ war, keiner, der den Untergang der Welt vorausgesagt hat, so wie es immer wieder Ankündigungen gab, dass die Erde um das Jahr X herum versinken wird. Beliebt war das Jahr 1000, aber sogar um die letzte Jahrtausendwende gab es solche apokalyptischen Ansagen.
NEIN!
Micha verspricht sogar, dass es am Ende besser sein wird als je zuvor: der Berg, mit dem Haus des Herrn darauf, wird höher sein als alle anderen. Schwerter werden zu Pflugscharen. Niemand wird mehr Krieg lernen.
Das ist bemerkenswert, denn Micha kennt die Wirklichkeit seiner Zeit sehr genau:
Er stammte aus Moreschet, etwa 35 km südwestlich von Jerusalem und seine Texte entstanden wohl gut 700 Jahre vor Christi Geburt.
Er droht in seinem Buch denen, „die Unheil planen“, die Felder an sich reißen und Häuser in ihren Besitz bringen (vgl. Kap. 2, V.1-11). Er spricht von denen, die das Gute hassen und das Böse lieben, die das Recht nicht erkennen, (vgl. Kap. 3, V.1-4) und verurteilt sogar die Propheten, nämlich solche, die das Volk verführen und die korrupt sind, weil sie, wie er sagt, „Friede“ rufen, wenn sie etwas zu beißen haben, die aber denjenigen den „Krieg“ ansagen, die ihnen nichts in den Mund stecken (vgl. Kap. 3, V.5).
Er klagte gegen gesellschaftliche und politische Eliten, gegen Habgier und Selbstbereicherung und Ausbeutung des kleinen Mannes. Er kämpft für die Durchsetzung des Rechts im Alltag und für das schonungslose Aufdecken von Rechtsbrüchen.
Das ist also der gesellschaftliche Kontext, in dem wir Micha lesen müssen:
Korruption? Selbstbereicherung? Pflichtvergessenheit und fehlende Moral der Herrschenden? Vieles davon klingt doch erstaunlich gegenwärtig. Gibt es nicht auch heute „Heilsversprechungen“, die betonen, dass radikal aufgeräumt werden muss, damit es besser wird? Aber worin besteht denn dann der Unterschied zwischen unserem „kleinen“ Propheten Micha und den falschen Propheten von heute?
Fangen wir weiter hinten im Text an, in Kap. 4, V.3: Schwerter zu Pflugscharen machen und Spieße zu Sicheln, klingt das nach einer einfachen Lösung? Wohl kaum. Ein solches Tun verlangt fast übermenschlichen Mut angesichts unberechenbarer Aggressoren. Braucht es nicht vielmehr „Abschreckung“ und „Waffengleichheit“?
Micha sagt: Einer muss anfangen. Nun, ja. Was heißt das konkret? Kennen wir nicht alle den Effekt, dass man sich im Alltag bzw. Berufsleben auch mit schwierigen Menschen manchmal über gemeinsame Projekte näherkommt? Plötzlich andere Seiten am Gegenüber erkennt? Man erprobt und erfährt Verlässlichkeit. Man lernt, dass eigene blinde Flecken von Anderen abgedeckt werden und umgekehrt. Das Ganze – der Frieden – kann nur durch die Mitarbeit Aller gedeihen. Wandel durch Annäherung!
Für Micha gehört auch immer dazu, dass Recht geschaffen werden muss, besonders für die Schwachen. Das gilt für uns in der Arbeitswelt und im Unialltag, wo es einen Nachteilsausgleich für die Vulnerablen gibt, und zwar zurecht.
Hier scheint sich ein biblisches Grundmuster anzudeuten, denn die von Micha postulierte Verbindung von Frieden und Recht haben wir doch gerade auch in Psalm 72 gehört: So soll „zu seinen Zeiten Gerechtigkeit blühen“ und „den Elenden im Volk (sei) Recht“ zu schaffen. Friede entsteht nicht durch Stärke und Abschreckung allein, sondern wo Recht bzw. Gerechtigkeit geschaffen wird, besonders für die Schwachen.
Wenn wir Michas Text weiterlesen und uns darauf einlassen, dass man die Waffen zu Werkzeugen verwandelt hat, so müssen wir konstatieren, dass auch damit kein Schlaraffenland geschaffen wird; eben keine einfache Lösung. Arbeit auf dem Acker und im Weinberg (um an eine andere Textfassung zu erinnern, wo es heißt, dass die „Lanzen zu Winzermessern“ werden), Landarbeit ist ein harter Broterwerb. Nein. Hier wird zunächst einmal Mut und Verzicht gepredigt sowie ein intensives und steiniges Erwerbsleben angekündigt.
Weitere Parallelen? Nun, es ist eher ein Gegensatz, der uns erschüttert: Hier: „sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Kap.4, V.3). Und wie sieht die Gegenwart aus? Man muss ja nur an die Ukraine, Gaza und auch den Iran denken und diese Aufzählung ist ja leider bei weitem nicht vollständig. In der entsprechenden Literatur findet man dazu den Begriff einer „Ära normalisierter Konfrontation“. Nochmal: eine „Ära normalisierter Konfrontation“. Das ist genau das Gegenteil von Michas Vision! Gewalt als Mittel der Politik, das Recht des Stärkeren; eine Welt wie der Prophet sie ja auch in der damaligen Zeit beklagt hat.
Damit kommen wir zum zweiten Gedanken:
2) Bedeutet Erneuerung, dass zuvor alles zerstört werden muss?
Auch solche Vorstellungen begegnen uns heute immer wieder. Man müsse radikal aufräumen. Alles niederreißen. Erst dann könne etwas Neues entstehen. Der Ton solcher Versprechen ist oft verführerisch. Und manchmal erschreckend aggressiv.
Nun steht im Buch Micha aber tatsächlich beides nebeneinander: harte Gerichts- und Vernichtungsbilder: Zion wird zum Acker, Jerusalem zu einem Trümmerhaufen (vgl. Kap. 3, V.12). Zugleich Visionen von Frieden, Bestand und neuer Ordnung: so der Wiederaufbau der Stadt (vgl. Kap. 7, V.11), der Verschaffung von Recht und das Hinausführen ins Licht (vgl. Kap. 7, V.9).
Aber das Entscheidende ist: Zerstörung ist bei Micha niemals das Ziel. Oder anders gesagt: Verwandlung ist etwas anderes als Verwüstung.
Goethe hat dafür einen bemerkenswerten Satz gefunden:
„Denn alles muss in Nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will“ (Goethe, 1821 aus „Eins und Alles“)
Das bedeutet gerade nicht: Man muss alles kaputt machen, wie man vordergründig verstehen könnte. Sondern: Alles Lebendige bleibt nur erhalten, indem es sich verwandelt. Um „im Sein zu beharren“, also weiter zu existieren, muss man das Alte loslassen. Wachstum, Entwicklung und Erneuerung setzen Vergehen voraus.
Ein Baum verliert seine Blätter, damit Neues entstehen kann!
Das „Nichts“ ist daher nicht totale Vernichtung oder „Schutt und Asche“, sondern: Auflösung, Übergang und Verwandlung. Darum geht es Micha. Eine ungerechte Ordnung kann vor Gott nicht bestehen: Gewalt, Korruption, Hochmut, die Missachtung des Rechts. Gottes Ziel ist nicht Chaos. Nicht Verwüstung. Sondern Erneuerung. Durch Gottes Gericht hindurch entsteht eine neue, eine gerechte Ordnung: Denn so in Kap. 4, V.3 „er wird unter den vielen Völkern richten“ und übrigens erst dann (!) werden sie „Schwerter zu Pflugscharen machen … und niemand wird sie (mehr) schrecken“. Die Bibel bleibt auch in ihren härtesten Bildern niemals bei der Zerstörung stehen: Nach der Sintflut beginnt neues Leben. Noah überlebt, die Arten überleben, die Welt erneuert sich. Nach dem Gericht kommt Hoffnung. Und auch bei Micha folgt auf die Drohung die Vision des Friedens: „Kein Volk wird wider das andere das Schwert erheben.“
Die Katastrophe ist gerade nicht das letzte Wort: Verwandlung ist etwas anderes als Verwüstung!
3) Vielleicht können uns auch große Werke der Literatur helfen, diesen Gedanken besser zu verstehen …
… behandelt doch der Micha-Text überzeitliche Themen: Es geht um Habgier, Rechtsbruch, Vertrauen und Liebe, Verrat und Hoffnung! Alles Themen, welche natürlich von großen Künstlern verhandelt wurden und worüber sie sich viele Gedanken gemacht haben.
Beginnen wir wenige Monate nach dem Thomas Mann-Jahr mit dem „Zauberberg“, also in einer Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg:
In der Schlüsselszene des Zauberbergs, als der Held Hans Castorp im Schneesturm knapp überlebt, formuliert er: „Ich will dem Tod keine Herrschaft einräumen über meine Gedanken“. Einen solchen Mut kann nur haben, wer sich nicht fürchtet oder fürchten will, wer Hoffnung hat und wer Herr des Geschehens bleiben will. Gebt nicht den Anderen Macht über Euch und Eure Gedanken. Vertraut Euch und wer das tut, der tut dies m.E., weil er sich irgendwie sicher fühlt, und dieses Gefühl gibt das Haus des Herrn, fest gegründet auf dem hohen Berg.
Und etwas später sagt Hans Castorp: „Tod und Liebe, - das ist ein schlechter, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die Liebe steht dem Tod entgegen … ist stärker als er.“ Vielleicht einer der tiefsten christlichen Gedanken überhaupt. Nicht Gewalt behält das letzte Wort, sondern die Liebe: die Liebe zu Gott, Gottes Liebe zu uns und natürlich die Liebe zu unseren Liebsten. Wir dürfen nicht resignieren angesichts von Tod und Unrecht; dies will uns auch das Heilsversprechen im Micha-Buch kurz nach unserem Text ja sagen, als er den Messias ankündigt (Micha Kap. 5, V.1 ff) und uns Hoffnung gibt. Und am Schluss des Michabuches lesen wir, dass Gott Schuld verzeiht, dass er Wohlgefallen hat, gütig zu sein und sich unserer erbarmt (vgl. Micha Kap. 7, V.18 ff), dass er uns den Frieden verheißt; eine Zeit in der „kein Volk wider das andere das Schwert erheben“ wird und man nicht mehr lernt, gegeneinander „Krieg zu führen“ (Micha Kap. 4, V.3). Ähnlich wie durch die Geschichte über die Sintflut, lernen wir auch bei Micha, wo es in Kapitel 7 (V. 18) heißt: „Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn“, dass Gott eben nicht in der Zerstörung verhaftet bleibt. Weil seine Liebe zu uns größer ist als der Zorn wegen des Fehlverhaltens seines Volkes: „Die Liebe steht dem Tod entgegen … ist stärker als er“!
„Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird sie schrecken“ (vgl. Micha 4,4). Scheint es nicht genau so im Sanatorium auf dem Berg zu sein: ein abgeschlossener, friedlicher Rückzugsort, fern von allem? Allerdings gibt es bei Micha keinen Krieg mehr, weil man verlernt hat, ihn zu führen - deshalb Ruhe und Geborgenheit, niemand muss mehr erschrecken. Im Zauberberg steht der Krieg bevor! Hier kann man sich vielleicht noch ein wenig verstecken. Die Augen vor der Wahrheit verschließen. Die Ruhe in Thomas Manns Sanatorium ist krankhaft, künstlich, entrückt und trügerisch. Sie gibt keine wirkliche Entspannung, keine echte Erfüllung, keinen Seelenfrieden. Ein Ort des Stillstands. Endstation Sehnsucht. Dort sucht jeder irgendwas: Zerstreuung, Betäubung, Weltflucht. Bei Micha suchen ALLE das EINE: Frieden. Die Menschen strömen zum Berg Gottes, weil sie Orientierung und Weisung suchen.
Und Micha sagt sogar, worin diese Weisung besteht:
„Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ (Kapitel 6, V. 8).
Und noch eine letzte kleine Parallele - erneut Thomas Mann, den auch ich im letzten Jahr wieder gelesen und wieder neu entdeckt habe. In einer Roman-Tetralogie geht er auf die berühmte Bibelgeschichte um Joseph ein. Joseph wird zum Verwalter und Retter vor Hungersnot, und zwar dadurch, dass er Vorräte anlegt und diese dann gerecht verteilt, und Ordnung schafft. Dieser Gedanke durchzieht das Michabuch. Gott schafft eine neue und gerechte Ordnung, und zwar nachdem Gott auf Verrat, Ungerechtigkeit, Neid und Missgunst reagiert, bei Joseph wie bei Micha. Er sorgt für Frieden, weil die Menschen auch in Zeiten der Dürre gerecht behandelt werden und so nicht hungern müssen. Im Bild vom Weinstock und vom Feigenbaum finden wir diesen Gedanken wieder. Es kehrt Ruhe und Frieden ein, auch durch eine ausreichende und gerechte Versorgung aller.
Und damit zur letzten Frage:
4) Genügt bloßes Gottvertrauen, damit sich alles zum Besseren wandelt?
Um es vorwegzunehmen. Nein, es reicht nicht. Die Bibel selbst spricht in der Bergpredigt davon, dass diejenigen selig sind, die Frieden stiften. Frieden „stiften“!
Nicht wegsehen. Nicht zynisch werden. Nicht darauf vertrauen, dass sich irgendetwas tut, dass irgendjemand etwas tut, nicht warten, sondern Frieden stiften. Aktiv etwas tun! In einem Satz von Hilde Domin finden wir das auch:
„Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“. Auch das verlangt eine zwar sanfte, aber beharrliche Friedenshaltung, eine Aktion.
- Vielleicht liegt darin die eigentliche Zumutung unseres Predigttextes: er erlaubt uns nicht, uns bequem zurückzulehnen. Micha redet mitnichten einer Endzeitstimmung das Wort. Es geht um Umkehr und Handlung oder um einen aktuellen Terminus zu benutzen, um eine Zeitenwende! Wir müssen den falschen Propheten widersprechen, wenn sie fordern, damit Gutes wieder entstehen könne, müsse man alles radikal vernichten, eben auch um den Preis, dass bestimmte Rechte, vor allem die Rechte der Schwachen, dann untergepflügt werden müssten. Wo gehobelt wird, fallen halt Späne. Dies sind falsche Heilsversprechen. Gebt nicht den Anderen Macht über Euch und Eure Gedanken!
Trotz einer Welt in Gefahr, haben wir die Hoffnung, dass nach der Umkehr der Frieden kommt, und zwar wohlgemerkt auf Erden und nicht erst später. Aber wir müssen selbst etwas dafür tun!
Mascha Kaléko, der Zerstörung und Krieg gekannt hat, schrieb:
„Man braucht nur eine Insel
allein im weiten Meer.
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.“
Dann heißt dies: vielleicht beginnt der Frieden nicht zwingend im Großen, sondern im Kleinen. Bei einem Menschen.
Und wenn wir heute oder morgen ins Büro, in die Uni, in unser Pflegeheim gehen, dann sollten wir versuchen gleich mit dem ersten Menschen anzufangen und den ersten Schritt zu tun. Nicht warten auf die anderen:
… oder um es mit Micha zu sagen: „So gehen wir schon jetzt“!
Amen



