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Enigma und Enthüllung (1. Kor 13, 1-13)


Predigt von Prof. Dr. Friedemann Stengel im Semestereröffnungsgottesdienst am 07. April 2026


Unter diesem Link finden Sie die Predigt auch als PDF-Dokument zum Herunterladen:
UGD_Predigt_26_04_07.pdf (88,9 KB)  vom 29.04.2026

Liebe Universitätsgemeinde, liebe Stadtgemeinde, liebe Gäste!

Legendär ist sie geworden und vor ein paar Jahren verfilmt: die Geschichte um die Enigma- Verschlüsselungsmaschine und deren Entschlüsselung durch polnische und britische Kryptologen. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende wurde sie geheimgehalten, aus guten Gründen. Sie hatte es den Alliierten ermöglicht, verschlüsselte Funksprüche der Deutschen abzufangen, mit einer Chiffriermaschine, deren Prototyp kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges als Erfindung patentiert worden war.

Entschüsselung von Rätseln als Blick in die verborgenen Hintergründe der Gegenwart – um die Zukunft nicht etwa nur zu verstehen, sondern um sie zu verändern: ein Unternehmen, dessen Ausmaße sich in allerjüngster Zeit rasant verändert hat. Es ist privatisiert und gewisser Maßen auch demokratisiert worden: Entschlüsselungs- und Verschlüsselungsmöglichkeiten stehen über KI jedem auf verschiedene Weise zur Verfügung – mit unerwarteten Möglichkeiten der Herstellung und der Durchsicht von Texten und Konzepten, von Modellen, Projekten, Prognosen und Design, von Informationsgewinnung und Kompilation. Dabei geht es gar nicht so sehr um Geheimnisse, sondern um den Zugang zur Komplexität unserer gigantischen Informationswelt. Faszinierend und erschreckend zugleich. Und wir schwanken in unseren Erfahrungen und Gefühlen, nicht das erste Mal, zwischen fröhlicher Annahme, kritischem Zögern und auch Verweigerung.

Was uns hier zur Verfügung steht, ist natürlich nicht die Enthüllung eines verborgenen Informationsnetzes, sondern eine faszinierende Zusammenschau von Informationen, deren Fehlerhaftigkeit uns sehr wohl bekannt ist. Weniger wissen wir über das Potential eigenständiger Kreativität Künstlicher Intelligenz.

Aber kommunizieren Sie mit Ihrer KI und fragen Sie nach ihren Zukunftsprognosen: es oder er oder sie wird erstaunlich sachlich antworten. Ich habe es am Beginn der Karwoche für 2040 getan und war wenig überrascht, denn KI gibt Prognosen, die lediglich aus sehr jetzigen Wahrscheinlichkeiten extrahiert worden sind.

Uns steht noch etwas anderes vor Augen, wenn wir über Zukünfte sprechen, andere Enigmata: beunruhigend erscheint die Gegenwart, sichtbar, wie fragil völkerrechtliche Regeln sind, willkürlich ihr Bruch, tief die Spaltung unserer Gesellschaften und die Verwerfungen mitten durch uns durch. Eine Gegenwart, die uns so unsicher erscheint, dass sich apokalyptische Bilder aufdrängen. Wo brennt es als nächstes? Wie soll es mit uns weitergehen, wenn .... Nach der Wahl ... Eine Flut von Futurologen und Prognostikern, von Zukunftssichten, manchmal auch Tarot und Astrologie, scheint ein Indiz zu sein für die Unklarkeit und Undurchdringlichkeit der Gegenwart. Das zeigt sich auch in der momentanen Ungewissheit darüber, was in unser sehr hohes und gewiss sehr teures Zukunftszetrum am Riebeckplatz künftig hinein soll. Gegenwärtig wird nur das Haus, die Schale, konzipiert, modelliert und sicher dann auch gebaut werden. Aber noch einmal zurück:

Nicht nur die Zukunft ist uns verborgen, es ist die Gegenwart, die uns verrätselt, verdunkelt und auch düster ist. Enigma. Und da sind wir mitten in diesem ersten Text der Predigtreihe „Zukünfte“, weil er mit Gegenwart, Erkenntnis und Zukunft zu tun hat. In seinem Zentrum: das Enigma. Es kommt im Neuen Testament nur ein einziges Mal vor, hier an dieser Stelle im Hohenlied der Liebe 1Kor 13,12: Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem Enigma, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Ainigma, eine Dunkelrede, verschlüsseltes Wort, eher aus dem griechisch-philosophischen oder poetischen Bereich, ein Rätsel, ein unverständliches, dem Verstand unzugängliches Geheimnis, das etwas andeutet, ohne es klar auszusprechen; nur mit einer Spur, die metaphorisch ahnen, aber nicht wissen lässt. Es gibt αἰνιγματοπόιοι (ainigmatopoioi) – Rätselmacher, und es wird dunkel gesprochen: αἰνίσσομαι (ainissomai), aber beides nicht im Neuen Testament. Die griechischen Seher und die Orakel reden so, wenn sie zur Zukunft befragt werden. Homers Teiresias weissagt so wie Jim Knopfs Drache Mahlzahn in Rätseln redet, gehört und gedeutet werden muss, bevor sich sein eigenes Geheimnis geradezu messianisch enthüllt – manche erinnern sich ans Vorlesen oder Vorgelesenbekommen.

Paulus spricht gerade nicht von der dunklen Zukunftsrede, die es immer gibt. Sie hat ihre Zeit, sie hört auf. Weissagungen werden verschwinden. Sie reden über Zukunft und kommen doch aus der Gegenwart nicht heraus. Womöglich verhüllen sie genau aus diesem Grund die Klarheit, um ihre eigene Unwissenheit über die Zukunft zu verbergen. Das Hohelied der Liebe spricht aber vom Jetzt. Wir sehen jetzt, in dieser Gegenwart, durch einen Spiegel in einem Enigma. Aber wir sehen nicht die andere, vollkommene Seite: der Zeit, des Lebens, des Ganzen. Wir spekulieren auf der Basis eines Spiegelbilds, das nicht spiegelbildlich reflektiert, sondern enigmatisch verrätselt. Unsere Erkenntnismöglichkeiten sind uns an und für sich und von Natur aus begrenzt. Wir erkennen nicht das Wesen der Dinge, ja nicht einmal unser eigenes, sondern bestenfalls eine Spur davon.

Ist das zum Verzweifeln? Wir hören ein unüberhörbares Ja um uns herum, zwischen Larmoyanz und Frustration, vielleicht als Folge fehlen­der Einsicht – und aus Verwirrung. Viele verherrlichen die Vergangenheit und wünschen sich etwas zurück, was die Gegenwart ersetzt.

Und viele wünschen sich, so sieht es jedenfalls aus, die Disruption, die Willkür gegen das Recht, sie tun begeistert über die Zerstörung von Institutionen, von Wissenschaft, ja auch über den Verfall der Kirchen. Das ist etwas anderes als Pessimismus; es geht über Spielarten von Resignation hinaus. Da wird ins Positive gekehrt, was für andere apokalyptisch ist.

Das alles drückt und bedrängt von allen Seiten. Unsere Themen sind sorgenvoll und politisch, in einem Gemisch aus Prognosen, Dystopien, Befürchtungen, Hoffnungslosigkeit. Was wird, wenn .... wie soll es weitergehen, wenn nicht ...

Aber das Enigma, als das uns Gegenwart und Zukunft erscheint, hat noch andere Facetten. Die Vorläufigkeit und Begrenztheit unserer Erkennt­nis kann gelassen machen. Das Enigma ist keine Willkür, es ist keine Fantasie, auch keine Weissagung, sondern es enthält die Spuren Gottes selbst: „Dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin.“ Von Angesicht zu Angesicht. Ich bin bereits erkannt, und mein aktiver Part vollkommenen Erkennens folgt jetzt noch nicht, sondern nur spiegelweise, als Enigma, das noch nicht auflösbar ist.

So sehr wir voller Sorge um uns blicken, wir müssen uns nicht von dem Blick in eine disruptive Zukunft lenken lassen. Es ist viel Kleinmut und Kleinglauben und manches apokalyptische Gerede eingekehrt, Untergangsvisionen auch unter uns Glaubenden ebenso wie manchmal auch ein unschuldig daherkommendes Ignorieren und ein Hang zu vermeintlich ganz einfachen Lösungen.

Dass wir jetzt nur durch ein Enigma sehen, lenkt von solchen düsteren Szenarien den Blick weg: auf die Gegenwart, in der wir sind, mit unserer vollkommen unvollkommenen Erkenntnis dessen, was kommt und was auf uns zukommt, wenn wir gehen. Wir haben die Spuren Gottes vor uns, hinter uns und in uns. Wo kommen wir hin, wenn wir das vergessen und an die Stelle dieser Spuren unsere eigenen Projektionen setzen? Sollten wir statt der Glorifizierung der Vergangenheit oder der Verherrlichung von Zukunft nicht unsere Gegenwart verehren?

Denn in ihr erkennen wir stückweise. Hat die Verachtung der Gegenwart durch Flucht in Vergangenheiten oder Verherrlichung von Zukunft nicht sogar etwas Lästerliches, etwas Blasphemisches an sich, weil wir die Spuren Gottes jetzt übersehen? Auch wenn wir nur stückweise, enigmatisch, erkennen?

Genau in der Unvollkommenheit unserer Erkenntnis ist Raum für Freiheit und die freie Wahl der Mittel. Das Hohelied der Liebe gibt uns etwas an die Hand, was die Erkenntnislücke zwar nicht füllt, wodurch wir aber mit ihr und in ihr arbeiten können: beherzte, herzliche Handlung, Mut, Liebe – „bis dahin“. „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Größte aber von diesen ist die Liebe.“ So heißt es in 1Kor 13,13.

Nicht der Glaube allein ist Maßstab, nicht das Festhalten an überkommenen, vermeintlich ewigen Wahrheiten, auch nicht an bestimmten Konfessionalismen. Sie stehen zur Debatte, wenn sie aus der Vergangenheit heraus Gegenwart dirigieren wollen. Das gilt auch für politische Auffassungen, wie die Ordnungen der Welt sein oder umgestürzt werden sollen, quer durch alle Lager. Sie sind dem Maßstab der Liebe zu unterwerfen. Da fehlt es manchem Aktivismus an Selbstkritik, wenn Zukunftsvisionen derart an die erste Stelle rücken, dass die Partnerinnen und auch die Opponenten aus dem Blick geraten.

Bei aller Besorgnis über den Zustand unseres Landes, unserer Welt: wir haben nicht Normen über die Freiheit zu setzen, wenn sie gegen das Evangelium der Liebe stehen. Müssen wir nicht prüfen, wo unsere eigenen Vorstellungen von Zukunft genau dazu führen können?

Die Einsicht, dass wir nur stückweise erkennen, kann davon frei machen. Und auch zögerlich gegenüber der Unumstößlichkeit der eigenen Überzeugungen. Das ist eine Kunst. Die Kunst des Zögerns heißt nicht: sich verweigern, sondern sich der Vorläufigkeit aussetzen und nicht voreilig aus dem heraus zu gehen, was gegenwärtig ist, und nicht von denen weg gehen, die doch auch Gotteskinder sind. Sondern sie als solche mit der Gegenwart zusammen verehren, ohne die Vorläufigkeit jeder Verehrung aus dem Blick zu verlieren.

Kann man aus dem Evangelium der Liebe ein Gesetz machen? Was ist Liebe?, fragen wir ein Leben lang. Hat sie Grenzen, bei Hassbotschaften, Untreue, Verrat, Illoyalität, böswilligem Mutwillen? Wieviel Geduld soll ich haben? Nachgeben, obwohl ich mich im Recht fühle? Den anderen reden und auch toben lassen?

... die Größte aber von diesen ist die Liebe – auch über der Hoffnung. Und das heißt: Hoffnung gilt nicht nur uns selbst, sondern auch den Anderen. Sie gilt auch denen, denen man am liebsten das Schlimmste an den Hals wünschen würde. Sie gilt gegen das Unwort des Jahres 2025 aus präsidialem Munde: ich liebe meine Feinde nicht, ich hasse sie und: lasst uns für ihren Tod beten.

Nein: zu hoffen haben wir für uns alle.

Die Verehrung der Gegenwart wäre ein Weg in die Zukunft im Sinne geöffneter Augen für die auch nur spurenhaften Licht- und Liebeszeichen. Zukunft gibt es nur im Plural. Denn ganz unterschiedlich sind die Perspektiven auf das, was noch nicht ist, aber enigmatisch schon längst erscheint.

Enigma und Enthüllung ist das Osterthema. Es ist das leere Grab, das kein Enigma ist, sondern das Ereignis Auferstehung. Sie ist kein Symbol für etwas anderes, für irdische Neuanfänge, für die Heilung gebrochener Beziehungen, Gesundwerden nach schwerer Krankheit – schön und gut und wichtig das alles!

Auferstehung geht darüber hinaus und enthüllt das Enigma. Die Fantasien sind dahin, die den Vergangenheiten wie auch den Zukünften gelten. Das Leben überlebt, in einer Gegenwart, die die Ewigkeit in sich trägt, und unser eigenes Über-Leben. Amen

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