Alles neu? (Offb 21, 1-7)
Predigt von Jun.-Prof. Dr. Laura Brand im Semesterschlussgottesdienst am 14. Juli 2026
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(122,9 KB) vom 21.07.2026
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem
Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.
Liebe Universitätsgemeinde!
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ Mit verheißungsvollen Worten sind wir in dieses Jahr 2026 gestartet, mit guten Vorsätzen und Erwartungen, vielleicht auch mit manchen Sorgen und Befürchtungen. Mit diesen Worten aus dem Buch der Offenbarung gehen wir jetzt auch auf das Ende des Semesters zu. Das ganze Sommersemester über haben wir über die Zukunft oder vielmehr über Zukünfte nachgedacht. Wir haben von der rätselhaften, dunklen Zukunft gehört, von der offenen Zukunft, wir haben gerungen zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, uns mitreißen lassen vom prophetischen Nein zur Verwüstung und dem Ja zur Veränderung, uns mit der Endlichkeit und dem Tod, mit Schuld und Vergebung auseinandergesetzt, wir haben das Himmelreich herbeigesehnt und die Frage nach dem Harmagedon hintenangestellt.
Und heute, ein halbes Jahr später, stellt sich die Frage: Ist „alles neu“ geworden, wird jetzt oder erst in Zukunft „alles neu“?
Futures literacy, das ist die Fähigkeit, „unterschiedliche Zukünfte […] zu antizipieren, kritisch zu reflektieren und als Ressource“1 zu nutzen. Für mich besteht kein Zweifel: Johannes hat diese Fähigkeit. Johannes gibt sich als Verfasser der Offenbarung zu erkennen und bezeichnet sich selbst als Knecht oder Diener Gottes. Es ist ein Titel, der im Alten Testament oft für die Propheten verwendet wird. Und Propheten haben futures literacy.
Vorausschau von Zukünften, das ist eine ihrer größten Kompetenzen. Johannes war auf der Insel Patmos, als er das Buch Ende des ersten Jahrhunderts an sieben Gemeinden in Asia schrieb. Die sieben Gemeinden stehen dabei stellvertretend für die ganze Christenheit.
Johannes war vermutlich von den römischen Behörden auf die Insel verbannt worden. Mit der Verbannung hatte Johannes seine Heimat und seine direkten Kontakte in die Gemeinden verloren, und mit dem Kaiserkult unter Domitian auch die Freiheit zur Ausübung seines Glaubens.2 Johannes ebenso wie die christlichen Gemeinden damals haben es mit Bedrohung, Abschied, Verlust und Angst zu tun. Johannes‘ Verlusterfahrung führt aber nicht nur in die Trauer, sondern auch in die Hoffnung. Im Predigttext malt er eine Zukunft aus, die schöner nicht sein könnte: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Offb 21,4)
Verlorene Zukunft
Die Zukunft kann nur besser sein. Davon ist Johannes überzeugt. „Alles neu“, das ist die Hoffnung, die ihn zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Wenn wir heute an die Zukunft denken, dann weniger mit freudiger Erwartung, sondern vielmehr mit Sorge. Wir nehmen unsere Gegenwart als krisenhaft wahr und die Veränderungen, die auf uns zukommen, machen
uns Angst. Wir fühlen uns überrollt von der Geschwindigkeit und der Vielzahl. Wir wissen an vielen Orten in Kirche und Gesellschaft, dass es so nicht weitergehen kann, aber wir sind veränderungsmüde geworden. Wir haben Vieles ausprobiert und Kräfte investiert, aber es nützt scheinbar nur wenig. Müdigkeit, Erschöpfung und Resignation machen sich breit. Von der Zukunft erwarten wir keine Besserung mehr. Uns fehlen positive Bilder der
Zukunft und Anstöße, die zum Umdenken anregen. Wie gerne würde ich den hoffnungsvollen Bildern trauen, die Johannes von der Zukunft entwirft.
Aber mit welchen Argumenten?
Die Zukunft ist ungewiss. Sowohl unsere persönliche als auch die Zukunft von Kirche und Gesellschaft. Die Zukunft kann uns hell und weit erscheinen. Sie lässt uns träumen von dem, was wir erreichen und wer wir sein möchten. Sie eröffnet uns Möglichkeiten, die Gegenwart zu verändern und zu gestalten. Die Zukunft kann uns aber auch dunkel und eng erscheinen. Sie lässt uns fürchten vor dem, was uns widerfahren könnte und Schreckensszenarien entwickeln. Wie uns die Zukunft erscheint und wie wir Zukünfte denken, hängt immer auch davon ab, was wir gegenwärtig wahrnehmen.
Offene Zukunft
Die Gegenwart von Johannes ist von Bedrohung und Angst geprägt. Auch das spiegelt sich im Buch der Offenbarung wider. Johannes kennt jede Menge Schreckensbilder. Aber in unserem Predigttext hält er der tödlichen Gegenwart hoffnungsvolle Bilder entgegen. Es sind mächtige apokalyptische Bilder: Ein neuer Himmel, eine neue Erde. Das himmlische Jerusalem. Gottes Hütte bei den Menschen. „Gott wird in seiner Schöpfung ‚einwohnen‘, wie im Himmel so auf Erden.“3 Der Tod ist besiegt, menschliches Leben ist nicht mehr bedrängt oder bedroht, Trauer, Leid und Schmerz sind verschwunden. Alles, was unser Leben schwer und leidvoll
macht, wo wir uns Menschen unser Leben gegenseitig schwer und leidvoll machen, ist vergangen. Alles, was unsere Beziehung zu Gott trübt, ist nicht mehr. Wir sehen nicht mehr stückweise, sondern von Angesicht zu Angesicht. (vgl. 1 Kor 13,12) „Alles neu“. Das ist die Hoffnung, die uns zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Es sind Sehnsuchtsbilder, die
hier entworfen werden.4 Die Sehnsucht nach Heilung und Ganz-Sein, nach Erfüllung, Geborgenheit und Trost. Die Sehnsucht zieht unseren Blick nach unten. Sie macht uns schmerzlich bewusst, was uns fehlt und unerfüllt bleibt. Die Bilder aber ziehen unseren Blick nach oben in den Himmel. Sie heben unseren Kopf. Sie machen die Zukunft offen, hell und weit.
Veränderungen und Erneuerung
Unsere christliche Hoffnung erschöpft sich nicht in der Sehnsucht nach Erfüllung im Hier und Jetzt. Sie schöpft ihre Kraft aus der Auferstehung Christi. Gott hat den Tod überwunden. Das Lebensfeindliche hat nicht das letzte Wort. Unsere Hoffnung richtet sich auf Gottes Zukunft. Und diese Zukunft liegt weder in weiter Ferne noch geht sie im Hier und Jetzt auf. Sie ist aber schon jetzt angebrochen. „Siehe, ich mache alles neu.“ In der Offenbarung ist es Gott selbst, der diese Worte spricht. Gott wird hier von Johannes als der allmächtige Herrscher vorgestellt, der auf seinem Thron
sitzt, der das erste und letzte Wort hat, der Ursprung und Ziel allen Geschehens ist. Der souveräne Herrscher ist aber kein anderer als der, der uns tröstet. Er eröffnet uns durch sein schöpferisches Wort neue Möglichkeiten.
Gott macht alles neu. Das macht mir Mut. Das klingt nach Aufbruch und Abenteuer. Das macht mir aber auch Angst. Wie wird das werden? Veränderungen lösen in mir nicht nur Freude aus, sondern auch Unsicherheit und Trauer. Nur schwer lassen wir Vertrautes, Gewohntes und Liebgewonnenes hinter uns zurück. „Alles neu“, das kann überwältigend sein. Wir müssen uns erst einmal mit der neuen Situation arrangieren. Wir sind gefordert, uns neu zu orientieren, uns neu zurechtzufinden, herauszufinden, wo was ist, wer was macht. Wir müssen uns selbst und unseren eigenen Platz neu finden. Und all das setzt voraus: Wir müssen
suchen. Das ist anstrengend. Wir sind gefordert, Orientierungslosigkeit und
Unübersichtlichkeit auszuhalten, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Neben die Freude treten Angst, Unsicherheit und Trauer, zumindest zeitweise. Denn Veränderungen brauchen Zeit. Das gilt auch für Veränderungen in Kirche und Gesellschaft. Tiefgreifende Veränderungen von heute auf morgen, von einem, der einen Masterplan entwirft und
bestimmt, jetzt alles anders und alles neu zu machen, solche Veränderungen sind nicht nur verheißungsvoll, sie können auch verhängnisvoll sein.
Aber so ist auch das „Alles neu“ nicht gemeint. Gottes Schaffen des Neuen ist ein erneuerndes, ein transformatorisches Schaffen.5 Neuschöpfung. Es ist ein Schaffen in Liebe zum Leben, in Liebe zu seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen. Bewahrung und Erneuerung schließen sich dabei nicht aus. Gott macht alles neu. Das hat für mich etwas Tröstliches. Gott macht „alles neu“, nicht ich. Gott ist ein Gott, der Neues schafft. Und zwar nicht erst am Ende der Zeit, sondern schon jetzt mitten in der Zeit. Gott öffnet Zukunft, er selbst kommt uns entgegen. Seine Zukunft können wir aber nicht planen. Wir können sie auch nicht berechnen oder vorhersagen. Wir können aber danach Ausschau halten, eine neue Perspektive einnehmen und den Kopf heben. Und zu wissen, wie Gott seine neue Schöpfung will, macht uns Mut, seine Schöpfung, Kirche und Gesellschaft in seinem Sinne mitzugestalten.6
Futures literacy und Trotzkraft
Futures literacy kann deswegen auch heißen, Ausschau nach Gottes Zukunft zu halten. Und wenn es um Gottes Zukunft geht, das macht uns die Offenbarung deutlich, geht es um mehr als unsere eigene Sehnsucht. Gott macht „alles neu“. Das ist kein blinder Optimismus oder bloße Utopie, sondern das „Zuversichtsargument[]“7, aus dem „Trotzkraft“8 erwächst.
Trotzkraft bedeutet für mich, nicht einfach hinzunehmen, dass die Welt ist, wie sie ist, Veränderungen abzuwarten oder zu resignieren, sondern mit Zuversicht die Gegenwart mitzugestalten. Trotzkraft schärft den Blick für das, was ist, aber sie belässt es dabei nicht. Sie hilft uns, Problemen, Herausforderungen und Krisen ins Auge zu sehen und ihnen widerständig zu begegnen. Sie hilft uns, suchend zu bleiben, den Mut zu haben, Risiken
einzugehen, Fehler zuzulassen, notwendige Veränderungen zu gestalten und anstehende Veränderungen zu bewältigen, einen neuen Blick und einen neuen Schritt zu wagen. Sie hält uns in Bewegung und macht uns Mut, den neuen Wegen zu vertrauen.
Also:
„Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.
Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in
Christus Jesus.Amen.
1 Vgl. https://www.bmfwf.gv.at/wissenschaft/leitthemen/futuresliteracy.html, Zugriff zuletzt am: 13.07.2026.
Vgl. dazu auch de Boer, Anke, Wiekens Carina und Loes Damhof, How Futures literate are you? Exploratory research on how to operationalize and meassure futures literacy, 2018.
2 Vgl. Klaiber, Walter, Die Offenbarung des Johannes (Die Botschaft des Neuen Testaments), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 20232, S. 12.
3 Moltmann, Jürgen, Hoffen und Denken. Beiträge zur Zukunft der Theologie, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2016, S. 45.
4 Vgl. Dinkel, Christoph, Predigt über Offenbarung 21,1-7. Totensonntag. Johanneskirche, 22.11.2020 (https://www.stuttgart-west- evangelisch.de/fileadmin/mediapoolgemeinden/KG_stuttgartwest/Predigten_2020/Dinkel__Predigt_Offenbarung_21_1-7__22.11.2020.pdf, Zugriff zuletzt am: 13.07.2026).
5 Vgl. Moltmann, Jürgen, Hoffen und Denken. Beiträge zur Zukunft der Theologie, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2016, S. 46.
6 Vgl. Klaiber, Walter, Die Offenbarung des Johannes (Die Botschaft des Neuen Testaments), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 20232, S. 322.
7 Alkier, Stefan, Zuversichtsargumente. Eine Einführung, in: ders., Tobias Nicklas und Thomas Paulsen (Hgg.), Zuversichtsargumente. Biblische Perspektiven in Krisen und Ängsten unserer Zeit, Bd. 3/1, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, S. 3-18.
8 Brudereck, Christina, Trotzkraft. Notizen. Essays. Gebete, Essen: 2 Flügel Verlag, 2021.



