Werkgerechtigkeit (Jak 2, 14-26)
Predigt von Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer im
Universitätsgottesdienst am 30. November 2025 in der
Laurentiuskirche
„Herz und Mund und Tat und Leben, oder: Der Unterschied von Werk und Wirksamkeit“
Es gilt das gepredigte Wort!
Liebe Universitätsgemeinde!
„Stellt euch vor, eine Schwester oder ein Bruder hat nichts anzuziehen. Es fehlt sogar das tägliche Brot. Und du sagst: Geh in Frieden, du sollst es warm haben und dich satt essen. Du gibst ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen. Was nützt das?“
Eine etwas polemische Frage - nicht so recht passend für den ersten Advent. Für Keksduft und Besinnlichkeit, für Glühwein und warme Socken.
Kann denn nicht bitte auch mal Ruhe sein vor dem ewigen Imperativ? Muss ich immer etwas sollen? Und dann ausgerechnet Jakobus. Ein polemisch wirkender, ein antipaulinisch gelesener, ein reichlich ungemütlicher daher kommender und irgendwie unadventlicher Text, muss das sein? Ist das eine speziell evangelische Form von Selbstkasteiung, mit diesem Jakobustext eine Differenz zu eröffnen, selbst zum Advent? Noch dazu: Ist die Frage nach der Werkgerechtigkeit nicht doch reichlich akademisch?
Zum Glück hat die Jakobusbriefforschung in den letzten 30 Jahren gegen den Eindruck angearbeitet, Jakobus sei irgendwie strohern, epistelig und irrelevant, und dabei große Fortschritte gemacht. Jakobus ist relevant! Jakobus gilt nicht mehr als Kleine-Leute-Literatur wie noch bei Dibelius, sondern als eigenständiger Text. Auch ist die Zahl derer, die sich mit Jakobus an Paulus abarbeiten, ist eher geringer geworden. Jakobus, das ist etwas ganz Eigenes! Der Judasbrief bezieht sich auf den Jakobusbrief, der 1. Petrusbrief ist ihm sehr nahe. Fasziniert lerne ich, dass Jakobus immer weniger als Antipauline gilt - das Verständnis des Briefes braucht die Gegnerschaft zu Paulus viel weniger als gedacht und verinnerlicht.
Gute Nachrichten. Ein Brief, der zum Lesen gemacht ist. Vielleicht so eine Art Studienbrief. Also keine Gebrauchsanleitung, kein Beipackzettel, keine To-Do-Liste, sondern etwas zum Lesen und Nachdenken. Lese-Literatur. Darin ja dann doch irgendwie adventlich.
Wer immer das war, dieser Jakobus. Ein Bruder von Jesus ja nun wohl doch nicht. Später geschrieben vermutlich. Zu gutes Griechisch. Die Worte sitzen, wirken durchkomponiert. Es lohnt sich daher gerade bei Jakobus, genau hinzuhören und hinzusehen. Die Frage nach Werkgerechtigkeit tritt in diesem Gottesdienst an Jakobus 2,14ff heran – und mein Eindruck ist, für Jakobus war das keine Frage oder besser: Kein Problem. Jedenfalls nicht unser Problem, wenn wir denn eines damit haben. In Jakobus 2 geht es sehr drastisch und deutlich um einen unerbittlichen Hinweis: Glaube hat eine praktische Seite zu haben! Verflüchtigt sich das in den Text hereingetragene Problem der Werkgerechtigkeit nicht schon, wenn ergo und erga nicht mit Werk und Werken übersetzt werden, sondern mit Tat und Taten?
So, wie es aktuell die Basis Bibel übersetzt?
Meine Brüder und Schwestern!
Was nützt es, wenn jemand behauptet zu glauben,
sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?
Kann ihn dann der Glaube retten?
Stellt euch vor,
ein Bruder oder eine Schwester hat nichts anzuziehen.
Es fehlt ihnen sogar das tägliche Brot.
Nun sagt einer von euch zu ihnen:
»Geht in Frieden,
ihr sollt es warm haben und euch satt essen.«
Ihr gebt ihnen aber nicht,
was sie zum Leben brauchen. –
Was nützt das?
So ist es auch mit dem Glauben:
Wenn er sich nicht in Taten zeigt,
bleibt er für sich allein und ist tot.
Es könnte nun jemand einwenden:
»Du hast den Glauben, und ich habe die Taten.«
Dem würde ich antworten:
Zeig du mir doch deinen Glauben,
der ohne Taten bleibt.
Ich kann dir an meinen Taten zeigen,
was der Glaube bewirkt. (…)
Und: Ein Glaube, der sich nicht in Taten zeigt, ist nutzlos!
Und zum Schluss Vers 26, erstaunlicherweise nicht zur Perikope gehörig, obwohl hier alles drin steht: „Ohne den Geist ist der Körper tot. Genauso ist sich der Glaube tot, wenn er sich nicht in Taten zeigt.“
Werk und Tat, das scheint mir ein feiner, ein leiser Unterschied in der Jakobushermeneutik zu sein. Werk, damit meint Paulus vor allem die Werke des Gesetzes. Also die Handlungen, die mit das geltende göttliche Gesetz zur Einhaltung vorschreibt. Für Menschen wie den reichen Jüngling Selbstverständlichkeiten. Alltagswerke seit Kindheitstagen. Die aber nicht allein das Ganze des Glaubens ausmachen. Jakobus meint etwas Vergleichbares, aber nicht das Gleiche: das Werk, das ist die ganz praktische Tat! Wichtig: Gleiches Wort, verschiedene Bedeutungen! Nicht mehr, aber auch gewiss nicht weniger. Kein theoretisches Problem, sondern ein Realpraktisches im Alltag! Mit diesem als Nuance erscheinenden Unterschied pirscht sich der Text langsam vorwärts. Vorbei an der intensiven Kritik Luthers, der hier in Jakobus 2,14ff einen tiefen theologischen Widerspruch gegenüber Paulus fand und wohl mit dem „Jeckel den Ofen geheizt hätte“. Einen Widerspruch, den Calvin interessanterweise nicht finden konnte. Diese kleine Kontroverse der beiden Herren zu Jakobus 2,14ff. darf ich zur Nachlese empfehlen, sie ist durchaus produktiv.
Luther, geradezu beseelt von dieser in seinen Augen antipaulinischen Passage, übersieht dabei, wie nah sich die beiden sind. Paulus und Jakobus. Und wird nicht auch bei Paulus im Brief an die Gemeinde in Galatien der Glaube durch die Liebe tätig? Ich erlebe den Widerspruch zwischen Paulus und Jakobus nicht als besonders produktiv. Sich diesem Widerspruch zu ergeben, lenkt von einem Hinweis ab, der aktueller kaum sein könnte. Es ist nicht die Frage nach der Werkgerechtigkeit, die Jakobus verwerflich lehrt, wie wir gelernt haben dürften, und die Luther mit Paulus angeblich so krass von sich weist.
Es ist ein leiser Ton des Textes. Ein aufkommender, ein langsam ankommender Gedanke, einer, der Zeit braucht. Einer, der schrittweise mit uns geht. Einer, den Jakobus immer und immer wieder betont. Einer, den mich bei der Vorbereitung mit auf die Reise genommen hat durch den Text, und schon deshalb bin ich Ihnen für die Einladung auf ihre Kanzel sehr dankbar. Denn für mich war und ist es noch neu, dieses Reiseerlebnis.
Das Problem, das der Jakobusbrief anspricht, scheint mir nicht vorrangig die Frage der Werkgerechtigkeit zu sein, sondern die Frage der Gerechtigkeitswerke. Modern gesprochen sind wir hier im Bereich der Wirksamkeitslehre.
Um es mit Funny van Dannen zu sagen: „Ich wollte ein Okapiposter, und was schenkst du mir? Das ist kein Okapiposter, das ist ein Schabrackentapier.“ Gerechtigkeitswerke - ein ganz anderes Tier als Werkgerechtigkeit. Wirklich?
„In der Welt gibt es keine Gerechtigkeit. Es kann auch unter den Bedingungen der Welt keine Gerechtigkeit geben.“ Mit diesem Satz leitet immerhin Johannes Schilling seine Betrachtungen zur Gerechtigkeit im sehr lesenswerten Beitrag der Hamburgischen Akademie der Wissenschaften ein, die Gerechtigkeit 2023 zum Thema machte. Schilling apostrophiert sogenannte Bindestrich-Gerechtigkeiten: Geschlechtergerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, Gendergerechtigkeit. Werkgerechtigkeit, füge ich hinzu, ebenfalls eine Bindestrich-Gerechtigkeit - was nicht abwertend gemeint sein soll.
Ja, es gäbe eine Idee von Gerechtigkeit im Menschen, die Gerechtigkeit als solches sei aber nicht zu erreichen, schreibt Schilling. Alle Versuche in der Geschichte, Gerechtigkeit zu erzeugen, seien in totalitären Systemen geendet. Vor Gerechtigkeitsfanatikern sei da aus allen vernünftigen und übervernünftigen Gründen zu warnen. Vorsicht also, wenn Gerechtigkeit und nur Gerechtigkeit allein das Ziel sei.
Wie aber entsteht ein Gerechtigkeitswerk? Das ist der Grund für die Grapefruit auf der Kanzel. Kein homiletisches Hoheitszeichen der leitenden Geistlichen Anhalts auf Kanzeln benachbarter Landeskirchen, obwohl man da ja mal drüber nachdenken könnte. Sondern eine wundervolle Geschichten von empathy and impact. Eine der erstaunlichsten. Ermutigendsten. Der Dunnes-Stores Streik. Am 19. Juli 1984 beschließt die 21-jährige Mary Manning, die in einem Supermarkt in Dublin arbeitet, keine Grapefruits mehr aus Südafrika an Kunden zu verkaufen. Aus Protest gegen die Apartheidspolitik Südafrikas.
Sie hat noch nie People of Colour getroffen, aber sie findet es nicht richtig, wie das Apartheidsregime in Südafrika mit Menschen umgeht. Sie wird dabei weder von der Supermarktkette unterstützt, noch von der Gewerkschaft, noch von der Politik. Es ist eine kleine Aktion, sehr klein, denn Grapefruit ist in Irland kein sehr gefragter Artikel oder war es zumindest damals nicht. Eine Freundin schließt sich an, beide treten in den Streik. Den Grapefruit-Streik.
Zunächst keine große Sache. Dann schliessen sich immer mehr Frauen an, die Sache kommt in die Zeitung, erste Politiker interessieren sich und internationale Presse. So bekommt Nimrod Sejake Wind davon, und er kommt nach Dublin, um mit den Frauen zu protestieren. Er ermutigt sie sehr, weiter zu machen, und begleitet sie. 6 Monate lang ändert sich aber wenig bis gar nichts.
Das ändert sich, als Desmond Tutu auf dem Weg zur Friedens-Nobelpreisverleihung in Oslo eine Abstecher macht und sich mit den Grapefruit-Ladies trifft. Auch Jesse Jackson kommt und findet es erstaunlich, dass weiße Frauen im fernen Irland sich für die Rechte von People of Colour in Südafrika einsetzen. Und auf Robben Island hört Nelson Mandela von den Grapefruit-Ladies und erlebt ihren Protest als Stärkung für seinen Weg. 1987 verbietet Irland die Einfuhr von Waren aus Südafrika. Ob Jakobus und Paulus Grapefruit gemocht hätten? Nach dieser Geschichte ganz bestimmt. Gerechtigkeitswerke.
Der Jakobustext hat mich tief eingesogen ins Dramadreieck von Werk bzw. Tat, Wort und Glaube. Ein bis heute aktuelles Dramadreieck. Und noch dazu eines, das zukünftig immer dramatischer werden wird. Eine Dramatik, das ich als hochproduktiv empfinde. Für die Auseinandersetzung mit einer Frage, die für Paulus und für Jakobus relevant gewesen sein dürfte und geblieben ist: Die Frage nach dem Verhältnis von Mitgliedschaft und Nachfolge. Von privatem Christsein und öffentlichem Christsein. Von der Frage, welche Folgen Christsein hat, und haben sollte, und haben muss! Welche Wirksamkeit geht von meinem Christsein aus? Die Kirchenmitgliedschaft hat außer finanziellen Einbußen für viele kaum weitere lebensverändernde und alltagsrelevante Folgen - die Mehrzahl der Kirchenmitglieder bleibt unbekannt, ihr Engagement in den Kirchengemeinden außerhalb der sogenannten Kerngemeinde oft unsichtbar.
Ist das bei Nachfolge anders? Jetzt wäre der Punkt zu ausführlicher Bonhoeffer-Lektüre, auch dazu rate ich, das Thema wird und muss uns besonders angesichts schrumpfender Mitgliedszahlen angehen, jedenfalls wegen ihrer Interpretation. Ja, sinkende Mitgliedszahlen haben finanzielle Implikationen. Wir wissen aber nicht, ob die Mitgliedszahlen auch die Zahlen derer sind, die im Sinn von Jesus und auch von Bonhoeffer, um zwei aus vielen zu nennen, als Nachfolgerinnen und Nachfolger zu bezeichnen sind. Aus eigenem Erleben sind diese beiden Zahlenkreise keinesfalls deckungsgleich.
Wie erleben Sie das? Werden die Kirchenmitgliedszahlen sinken, bis nur noch die Nachfolgenden über bleiben? Es spricht manches dafür. Vielleicht haben wir die große Zeit der Wirksamkeit erst nach vor uns, in der Christsein und Nachfolge wieder identisch werden. Anders gefragt: Sind wir auf dem Grapefruitweg?
Summa: Der Diskurs um Werkgerechtigkeit, also um die Hoffnung, sich des himmlischen Heils mittels guter Werke zu versichern, hat sich von einer Auseinandersetzung um Erlösung als Folge guter Werke zu einer Auseinandersetzung um gute Werke als Folge der Erlösung gewandelt. Und das ist gut so. Es ist ein großer Schwenk vom bangen Blick zum Himmel hin zum bangen Blick auf die Welt. Die aus tausend Wunden blutet und der wirksamen Gerechtigkeitswerke harrt, unserer Gerechtigkeitswerke. Es ist vielleicht sogar der Beginn einer neuen diakonischen Theologie als Beitrag zur Rechtfertigungslehre, und darin sehr zu begrüßen.
„Herz und Mund und Tat und Leben“ – so heißt als Zitat die Diakoniedenkschrift der Evangelischen Kirche von 1998. Jakobus 2,14ff taucht darin nicht auf. Der Predigttext hat also noch Geschichten zu schreiben und Geschichte.
Die Frage der Werkgerechtigkeit haben wir an den Predigttext heran getragen, die Antwort der Gerechtigkeitswerke tragen wir hinaus. Solche Werke möchte ich mit einem aktuellen Bespiel aus dem Bistum Erfurt illustrieren, in Unkenntnis darüber, ob man in Halle etwas Gutes über Erfurt sagen darf, aber warum eigentlich nicht. Erfurt ist ja nicht Magdeburg, wenngleich ich über Magdeburg viel Gutes zu sagen und dort erlebt habe.
2006 hat das Bistum Erfurt zum Elisabethjahr die „Sieben neuen Werke der Barmherzigkeit“ veröffentlicht:
„Einem Menschen sagen:
Du gehörst dazu!
Ich höre dir zu.
Ich rede gut über dich.
Ich gehe ein Stück des Weges mit dir.
Ich teile mit dir.
Ich besuche dich.
Ich bete für dich.“
Diese Werke hören sich für anhaltische Kirchenpräsidentenohren ganz unverdächtig, praktikabel, ratsam und wirksam an. Sie sind ein sehr gutes Beispiel für ganz alltägliche Gerechtigkeitswerke, die sich einüben lassen, und dann sofort zu großer Wirksamkeit umsetzen lassen. Die nach Veränderung der Welt durch das Handeln der Erlösten trachten, als nach Erlösung. Sie sind eine hilfreiche und schöne iterative Übung, um in der Fastenzeit des Advent sich einzuüben in den Weg der christlichen Wirksamkeit durchs Tun der Gerechtigkeit. Tag für Tag, Tat für Tat. Vier gute Wochen lang Gerechtigkeit ankommen lassen in unserm Leben und dem Leben anderer.
„Herz und Mund und Tat und Leben“, liebe Gemeinde.
Gesegneten ersten Advent – mit Grapefruitduft! Amen.



