Glaubensgerechtigkeit (Röm 3, 21-31)
Predigt von Prof. Dr. Regina Radlbeck-Ossmann im
Universitätsgottesdienst am 19. November 2025 in der Marktkirche
Die von Gott geübte, größere Gerechtigkeit: unverdientes Wohlwollen
Lesung Röm 3,21-31
21 Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: 22 die Gerechtigkeit Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: 23 Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. 24 Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. 25 Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. So erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit seiner Geduld, begangen wurden; 26 er erweist seine Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen, dass er gerecht ist und den gerecht macht, der an Jesus glaubt. 27 Kann man sich da noch rühmen? Das ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. 28 Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. 29 Ist denn Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, 30 da doch gilt: Gott ist «der Eine». Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen. 31 Setzen wir nun durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf.
Liebe Schwestern und Brüder,
seien Sie herzlich willkommen in diesem Gottesdienst.
Meine heutige Predigt beschäftigt sich mit der ausgewählten Lesung aus dem Römerbrief. Dem Motto der Predigtreihe entsprechend liegt der Schwerpunkt auf dem Begriff „Gerechtigkeit“. Der ausgewählte Textabschnitt stammt aus dem Brief, den Paulus um das Jahr 56 an die christliche Gemeinde in Rom schreibt. Wir nähern uns dem Schreiben des Apostels mit einem Abstand von knapp 2000 Jahren. Bevor ich den Bibeltext deshalb für unsere Zeit erschließe, skizziere ich kurz den Kontext, in dem dieser Brief entstanden ist. Dabei bieten sich die bewährten, ganz einfachen W-Fragen an. Mit dem Entstehungszeitpunkt um das Jahr 56 ist das Wann? bereits geklärt. Somit bleiben von den W-Fragen noch die Fragen: Wer? schreibt wem?, was? und warum?
Wer? Die Frage nach dem Verfasser des Textes ist ebenfalls geklärt. Autor ist der Apostel Paulus. Zum Abfassungszeitpunkt des Briefes ist er als engagierter Missionar weithin bekannt, doch es gibt Kritik. Zusammen mit anderen Glaubenszeugen verkündet Paulus ein Evangelium, das Heiden in die Kirche aufnimmt, ohne diesen den Umweg über das Judentum aufzuerlegen. Mit dieser Entscheidung senkt Paulus die Schwelle einer Zugehörigkeit zur Kirche. Heidnische Taufbewerber müssen das jüdische Gesetz nicht erfüllen. Das ist vor allem für männliche Täuflinge bedeutsam. Sie müssen sich nicht beschneiden lassen. Juden und Judenchristen bewerten die paulinische Praxis als „Mission in Lightversion“ und halten dies schlicht für ungültig. In mehreren Gemeinden ist es deshalb schon zu Auseinandersetzungen gekommen. Mit diesem schwelenden Konflikt im Hintergrund wendet er sich an die Gemeinde von Rom. Dies führt uns zur zweiten W-Frage, dem wem?
Wem? Zum gegebenen Zeitpunkt ist Rom eine Millionenstadt mit einer denkbar pluralen Mischung. Was immer es im Reich gibt, gibt es im Prinzip auch in der Hauptstadt Rom, so auch eine christliche Gemeinde. Ihre Mitglieder sind von ihrer Herkunft her vermutlich gemischt. Während die einen aus dem Judentum kommen, kommen andere aus dem Heidentum. Die Gemeinde erlebt die Folgen der paulinischen Missionspraxis immer dann besonders brisant, wenn Mitglieder untereinander in Streit geraten und etwa Judenchristen den Heidenchristen absprechen, im vollen Sinne dazuzugehören.
Warum? In der gegebenen Situation Paulus greift Paulus zur Feder, um sich vorzustellen. Er hat vor, die Gemeinde in Rom zu besuchen und seine Missionsreisen von dort aus weiterzuführen. Dazu braucht er den Rückhalt der Römer. Er weiß, dass die Gemeinde der Hauptstadt über alles im Bilde ist, von seiner Missionspraxis also ebenso gehört hat, wie von den Auseinandersetzungen, die darüber entstanden sind. Darüber hinaus ist ihm klar, dass er seine Ziele nur erreichen kann, wenn es ihm gelingt, die bestehenden Missverständnisse auszuräumen. Ziel des Schreibens ist es also, die Römer von der Rechtmäßigkeit seines missionarischen Handelns zu überzeugen.
Was? Um das zu erreichen, legt Paulus sein Verständnis des Evangeliums vor. Der Text spricht für sich. Die Wortwiederholungen zeigen bereits an, dass es in diesem Text um das rechte Verständnis der Gerechtigkeit geht. Dieser Begriff ist mit unserem modernen Verständnis nicht gleichzusetzen. Er bezeichnet ein Leben, das vor den Augen Gottes besteht, von Gott also angenommen ist. Damit setzt das von Paulus verwendete Verständnis von „Gerechtigkeit“ eher theologisch an als ethisch. Nun zu den Aussagen im Einzelnen. Sie sind über die historische Situation hinaus bedeutsam und daher auch für uns heute relevant.
Die Ausführungen des Apostels stellen zwei Varianten von Gerechtigkeit vor. Genannt wird erstens ein traditionell jüdisches Verständnis, das auf die Vorschriften des Gesetzes verweist. Ihm steht ein zweitens Verständnis gegenüber, das den Glaube an Jesus Christus betont. Gesetz und Glaube werden damit zu Schlüsselworten. Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn nicht die Erfüllung des Gesetzes, sondern der Glaube das Entscheidende ist. Dabei bemüht er sich fair zu bleiben.
Das Judentum ist eine Religion mit einer starken ethischen Komponente. Ein bedeutender Teil des Gesetzes zielt auf den sozialen Zusammenhalt. Das will Paulus nicht einfach abtun. Dennoch distanziert er sich von einem Verständnis, welches das angenommen sein bei Gott an die Erfüllung des Gesetzes knüpft. Diese Verbindung kann nämlich Schieflagen erzeugen.
Eine harmlose Variante solcher Schieflagen ist mir in einer Aussage meiner Tante Käthe begegnet. Sie erklärte mir: „Weißt du, ich gehe jeden Morgen in die Messe. Das fällt mir nicht immer leicht, aber ich denke mir immer, ach, ich raffe mich auf und gehe. Dann habe ich schon wieder fünf Mark in meiner himmlischen Sparkasse.“ Meine Tante Käthe hat ihre Überlegungen mit der Einführung des Euro nicht korrigiert, sondern den einmal gewählten Tarif beibehalten. Ich vermute einmal, Gott wird in der Lage sein, mit dieser eher harmlosen Variante des Verdienstgedankens umzugehen.
Bedenklicher schon wird es, wenn die Dinge sich enger verknüpfen. Das geschieht dort, wo Menschen von sich sagen: „Ich bin doch wirklich total in Ordnung. Ich habe so oft gebetet, so viel gespendet oder geleistet. Ich habe mich so angestrengt, da habe ich mir den Himmel doch wohl verdient.“ In diesem Fall würde der Mensch bestimmen, was Gott von ihm zu halten hat. Und genau das kann für Paulus nicht sein. Deshalb hält er einmal schon fest, dass kein Mensch das Recht hat, sich wegen seiner Werke zu rühmen oder gar das Leben anderer im Vergleich dazu abzuwerten.
Darüber hinaus zeigt Paulus auf, dass die Leistungsbilanz, die Menschen vor sich hertragen, meist eine verkürzte Rechnung darstellt. Selbstverständlich kramt jeder Mensch, der sich über seine Gerechtigkeit Gedanken macht, als erstes seine Verdienste hervor. Paulus gibt zu bedenken, dass jede Person neben Verdiensten auch Lasten angesammelt hat. Wo diese Negativa einbezogen werden, bleibt von den Verdiensten dann nicht mehr ganz so viel übrig.
Ein drittes Schlüsselwort im Text kommt so unscheinbar daher, dass es leicht übersehen wird. Bei ihm handelt es sich um die kleine Zeitangabe, mit der Paulus die ausgewählte Passage seines Briefes einleitet (V 21). In der deutschen Übersetzung sind dies die Worte: „Jetzt aber“, im griechischen Text heißt es „Νυνὶ δὲ“. Beide Formulierungen setzen sowohl von ihrer Wortbedeutung wie auch von ihrem Klang her eine Zäsur. Sie machen deutlich, dass nun etwas Entscheidendes kommt. Die von Paulus gewählte Stellung am Satzanfang unterstreicht dies zusätzlich. Über das „Νυνὶ δὲ/Jetzt aber“, weckt Paulus die Aufmerksamkeit seiner Leser- und Hörerschaft.
Das betonte „Jetzt aber“ leitet das neue Verständnis von Gerechtigkeit ein. Paulus beschreibt eine Einstellung, die gerade nicht auf die eigenen Leistungen verweist, sondern sich bewusst ist, mit leeren Händen vor Gott zu stehen. Diese neue Haltung wird für ihn zur angemessenen Haltung vor Gott und damit zur Gerechtigkeit. In ihr zeigen Menschen sich bereit, die eigene Bedürftigkeit anzunehmen und auf die in Jesus Christus geschenkte Erlösung zu vertrauen. An die Stelle einer selbst geschaffenen Sicherheit tritt damit ein Wagnis: der Mut des Glaubens.
Wo Paulus diese Haltung nähert ausführt, kommt er auf die Sühneleistung zu sprechen, die Jesus durch sein Blut und seinen Tod am Kreuz erbracht hat. An dieser Stelle würde die Theologie heute einhaken und die Argumentation des Apostels mit einigen Fragezeichen versehen. Ich weise auf die gegebene Problematik lediglich hin, gehe aber nicht näher auf sie ein, denn meine Predigt heute hat einen anderen Schwerpunkt. Es geht um Gerechtigkeit.
Mit der betonten Zeitangabe „Jetzt aber“ erklärt Paulus, dass er sich mit einem fundamentalen Einschnitt konfrontiert sieht. Die alles verändernde Zäsur war für ihn die Begegnung mit Jesus Christus. Paulus selbst hat aus dieser Begegnung entnommen, dass Gerechtigkeit ein Geschenk Gottes ist. Die Erfahrung, die eigene Gerechtigkeit weder verdienen zu müssen noch sie auch nur verdienen zu können, beschrieb die große Wende in seinem Leben. Paulus zog weitreichende Konsequenzen. Er stellte seine bisherigen Sicherheiten zurück und gab dem Wagnis des Glaubens Raum. In dieser Haltung ist er ein ebenso leuchtendes wie forderndes und bisweilen sicher auch überforderndes Vorbild.
In den Kategorien der Antike gesprochen sind wir alle Nachfahren der Christen aus dem Heidentum. Obwohl wir damit nicht auf das jüdische Gesetz verpflichtet sind, neigen wir doch dazu, Gerechtigkeit mit Verdienst und Strafe zu verbinden. Diese Logik ist uns sehr vertraut und sicher hat sie auch ihren Wert. Nach wie vor ist vieles in unserem Leben durch die Kategorien von Verdienst und Strafe geregelt. Das gibt dem Leben eine gewisse Berechenbarkeit und beugt in manchem Fall sicher dem Chaos vor. Bisweilen aber erleben wir, dass die vermeintlich selbstverständliche Logik von Verdienst und Strafe zwar ein weithin kalkulierbares Leben ergibt, aber noch lange kein wirklich gutes Leben.
Nicht selten müssen wir sogar anerkennen, dass aus der Logik von Verdienst und Strafe unbillige Härten entstehen, in denen nicht Gerechtigkeit zum Zuge kommt, sondern Ungerechtigkeit. Das sind Situationen, in denen die Aussagen der Lesung weiterführend wirken können: die Rede von der mit Jesus erfolgten Zäsur und die neue Gerechtigkeit, von der Paulus spricht.
Die neue Gerechtigkeit spricht von einem angenommen sein bei Gott, das uns ganz einfach geschenkt wird. Für die Haltung, in der Gott uns begegnet, findet Paulus ein treffendes Wort: er spricht von Gnade. Das ist ein nahezu erdrückend gehaltvoller theologischer Begriff. Ich will ihn deshalb für Sie übersetzen. Meine Übersetzung lautet „unverdientes Wohlwollen“.
Wohlwollen zu erfahren, das wirkt wohltuend. Wohlwollend aufgenommen zu werden, das macht Mut und gibt Rückenwind. Wohlwollen sorgt dafür, dass Entwicklungen zum Guten wahrscheinlicher werden. Wohlwollend kann verhindern, Gerechtigkeit zu einer harten Sache wird.
Wohlwollen vollkommen unverdient zu erfahren, das ist heute nicht weniger außerordentlich als vor 2000 Jahren. Wer sich an Situationen unverdienten Wohlwollens erinnert, beginnt unwillkürlich zu staunen und zu lächeln. Uns allen fallen hoffentlich zahlreiche Situationen ein, in denen wir unverdientes Wohlwollen erfahren haben und genießen konnten.
Unverdientes Wohlwollen kann man auch anderen schenken. Wenn die Gesichtszüge unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sich entspannen und Freude sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen beginnt, dann wissen wir, es hat geklappt. Die gute Botschaft ist angekommen. Die Gnade Gottes durfte wirksam werden. Nicht selten spüren wir dann, dass nicht nur unser gegenüber, sondern auch wir selbst uns in geheimnisvoller Weise befreit fühlen.
„Νυνὶ δὲ/Jetzt aber“ … fällt uns womöglich so einiges ein, was wir in den vor uns liegenden adventlichen Wochen verschenken können, ohne es zuvor noch verpacken zu müssen.



