Weiteres

Login für Redakteure

Gewissensgerechtigkeit (Röm 14, 13-22)


Predigt von Katharina Höhn-Norden zum Universitätsgottesdienst am 18. Januar 2026 in der Laurentiuskirche


Vielleicht kennen Sie das Gefühl:
Man steckt in einer Diskussion – zu Hause oder im Freundeskreis –
und spürt, dass es eigentlich gar nicht mehr um die Sache geht,
sondern ums Rechthaben. Darum, wer sich durchsetzt, wessen Argumente die „besseren“ sind.

Am Ende steht man da, erschöpft, überzeugt vom eigenen Standpunkt – und merkt doch, dass der Streit mehr getrennt hat, als er klären konnte. In solchen Momenten wäre eine Art Signal hilfreich. Eine Stimme, die sagt: „Moment mal – wofür streite ich hier? Für mich? Für die Sache? Für Gerechtigkeit?“

Als Schülerin im Religionsunterricht fand ich es spannend zu lesen, dass Menschen schon immer gestritten haben. Und die Themen haben sich seit Paulus’ Zeiten gar nicht so sehr verändert. In Rom stritten die Glaubenden darüber, was man essen darf.

Heute streiten wir darüber, ob man glaubt, wie man „richtig“ politisch handelt, ob man mit dem Auto fahren darf oder ob man noch Fleisch essen sollte.

Gemeinsam haben diese Situationen die Frage: Wie verhalte ich mich gegenüber dem Anderen?

Paulus schreibt genau in diese Erfahrung hinein. Er erkennt: Wenn jeder nur auf der eigenen Überzeugung beharrt, bricht das Miteinander auseinander.

Und er stellt eine herausfordernde Frage: Kann ich vor Gott verantworten, was ich tue –
und dient es dem Frieden mit den anderen?

An dieser Frage möchte ich den Text heute entlangdenken. Vielleicht kann sie uns noch immer tragen – in kleinen und großen Entscheidungen. Zwischen Selbstbewusstsein und Rücksicht, zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Ich und Wir.

Und genau hier knüpft die heutige Bibelstelle an:
Paulus’ Worte im 14. Kapitel des Römerbriefs klingen vertraut und unbequem zugleich –
denn sie führen uns mitten hinein in das Spannungsfeld zwischen Glaubensfreiheit und Gerechtigkeit.

So lesen wir in seinem Brief an die Gemeinde in Rom:

13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn,

dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

14 Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein.

15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe.

Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist.

Die junge Gemeinde in Rom ringt darum, wie Glaube gelebt werden kann, wenn Menschen mit unterschiedlichen Glaubensbiographien zusammenkommen. Da sind die einen, die stark auf die Speisegebote des alten Gesetzes vertrauen. Und da sind die anderen, die in der Freiheit Christi leben – und eben auch das Opferfleisch essen. Beide Seiten meinen, im Recht zu sein. Als ich mir die Passage zur heutigen Predigt durchlas, dachte ich anfangs: Klar, die Schwachen im Glauben bedürfen der Rücksichtnahme der Starken. Dass diese ihre Freiheit nicht ausnutzen, gebietet die Botschaft Christi, die da lautet:
Das Reich Gottes in Liebe am Nächsten Wirklichkeit werden lassen.

Die Botschaft des Paulus leuchtete mir sehr ein: Dank meiner verbliebenen Bibelkundekenntnisse weiß ich, dass Paulus in seinen Briefen Konflikte zwischen dem Gesetz des Alten Bundes und dem Neuanfang in Jesus Christus aushandelt. Beim Einhalten der Speisegebote geht es um das Nahsein bei Gott. Wie ist hier zu entscheiden? Wessen Handeln ist Gott wohlgefälliger und richtig?

Paulus richtet einen mahnenden, aber freundlichen Brief an die Gemeinde. Er klagt nicht an.
Vielmehr ist er um Verständnis bemüht und erklärt:

16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt.

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.

18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.

Was macht Paulus also? Er sagt nicht: „Ihr habt recht.“ Und auch nicht: „Ihr habt unrecht.“

Er fragt anders: Worauf schaut ihr eigentlich? Auf euren Teller – oder auf Gott?

Statt sich in der Frage nach den richtigen Speisegeboten festzubeißen, lenkt er den Blick:

„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“

Mit anderen Worten: Er ruft die Gemeindemitglieder weg vom Zwist am Tisch – hin zu dem,
was Gott wichtig ist. Und da wird es auf einmal sehr konkret: Was nützt es, wenn ich recht habe, aber die Beziehung belaste? Was nützt meine Freiheit, wenn sie den
Anderen verletzt?

Paulus erinnert: Vergesst nicht, dass Christus für euch alle gestorben ist. Ihr seid durch ihn miteinander verbunden, auch in eurer Verschiedenheit.

Doch wie nun verhandelt Paulus den Konflikt? Er erinnert daran, dem Gemeinsamen nachzustreben, und er lädt zu einer Haltung ein:

19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

20 Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk. Es ist zwar alles rein; aber es ist nicht gut für den, der es isst mit schlechtem Gewissen.

21 Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran dein Bruder Anstoß nimmt.

In einer Gesellschaft, in der Lebensstile und Meinungen weit auseinandergehen, klingt das sehr aktuell. Paulus sagt im Grunde: Frieden fällt nicht vom Himmel. Frieden braucht Menschen, die sich bewegen – weg vom Rechthaben, hin zum Miteinander.

Christliche Freiheit ist für ihn kein Freifahrtschein, sondern ein Übungsfeld. Ein Ort, an dem ich lerne: Ich könnte dies oder das tun – aber ich lasse es, weil mir der Andere wichtiger ist
als mein Recht.

Es geht also darum, sich um Frieden zu bemühen und füreinander Liebe und Verständnis aufzubringen. Paulus erinnert daran, dass durchaus unterschiedliche Überzeugungen
und Praktiken existieren können – und dennoch aufeinander Rücksicht genommen werden sollte.

Wie am Anfang erwähnt, leuchtet mir die Botschaft des Paulus sehr ein. Gleichzeitig stellte sich bei mir eine Frage ein:
Wie weit reicht die Aufforderung zur Rücksichtnahme?

Folgen wir Paulus weiter. Er sagt:

22 Den Glauben, den du hast, habe für dich selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht verurteilen muss in dem, was er gut heißt.

Paulus ermutigt: Vertretet eure Überzeugungen vor Gott. Entscheidend ist, im Einklang mit eurem Gewissen zu handeln. Der Schlüssel zum Frieden trotz unterschiedlicher Ansichten
liegt also in unserem Gewissen. Doch was ist das Gewissen, und wie hilft es hier weiter?

Schauen wir auf die lateinische Übersetzung, auf den Begriff conscientia, der wörtlich „Mitwissen“ bedeutet. Gemeint ist damit das Wissen, Gutes zu tun und Böses zu meiden –
also eine Richtschnur.

Das ist aber nicht unfehlbar. Unser Gewissen ist beeinflussbar: es wird geprägt von unserer Umgebung oder Erziehung.

Das sehen wir auch in den verschiedenen Gruppen in der römischen Gemeinde.

Folglich muss es kritisch geprüft werden. Paulus selbst bietet dafür eine Orientierung:

„Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“ (1 Kor 10,23).

Es genügt nicht, dass etwas erlaubt ist – es muss auch dem Guten und dem Leben dienen.

Gewissen heißt: Ich frage nicht nur, ob ich etwas darf, sondern ob ich es vor Gott verantworten kann. Das gilt beim Konsum, bei Entscheidungen über Zeit und Geld.

Für die Gemeinde in Rom bedeutet das:
„Ihr könnt euch auf eure Freiheit berufen – aber wenn ihr damit den anderen kränkt, ist das nicht mehr Liebe.“

Und genauso wird klar: „Nur weil jemand anders lebt oder anders glaubt, dürft ihr ihm den Glauben nicht absprechen.“

Paulus hält beides zusammen: Freiheit – und Achtung voreinander.

Und jetzt sind wir dran:

Was bedeutet dies nun für uns, die wir Konflikte in großen und kleinen Fragen täglich erleben? Für diese – wie auch für meine genannte Frage – hat mir die Beschäftigung mit der Pauluspassage zwei Einsichten gebracht.

Erstens darf ich trennen:

Es gibt Situationen, in denen „Rücksicht“ und „Freiheit“ in Spannung geraten und diese Spannung auszuhalten ist:

Wenn eine Freundin sich aus Überzeugung anders ernährt als ich. Wenn jemand eine andere Glaubenspraxis lebt, darf ich sie nicht herabwürdigen. Dann sollte ich mich mit meinem Urteil zurückhalten. Ich muss nicht jeden überzeugen. Entscheidend ist, dass ich beides ernst nehme – die Wirklichkeit des Anderen und Gottes Wort.

Das kann aber auch heißen: jemandem zuzuhören, statt sofort zu widersprechen.

Und dann gibt es Situationen, in denen Rücksicht etwas anderes meint: Wenn Schweigen Missbrauch deckt. Wenn Wegsehen Umweltzerstörung billigt. Wenn Angst vor Konflikten
Ungerechtigkeit hinnimmt und zementiert.

In solchen Situationen heißt Rücksicht nicht zu schweigen, sondern: Betroffene zu unterstützen oder Strukturen offen zu benennen, die Unrecht ermöglichen.

Ich binde mein Gewissen damit nicht an meine Meinung, sondern an Gottes Wort.

Vor ihm muss ich mein Eingreifen rechtfertigen können.

Als zweites bleiben mir die Überlegungen zum Gewissen in Erinnerung.

Wenn ich weiß, dass mein Gewissen fehlbar ist, dass Erwartungen und Gewohnheiten daran ziehen, dann richte ich mich neu aus:

Weg von Erwartungen und Gewohnheiten – hin zu Gott, der Freiheit schenkt und Verantwortung zumutet.

Übertragen wir das mal in folgende Situation:

Die Diskussion am Esstisch ist längst eskaliert. Eigentlich geht es um den Urlaub, aber plötzlich hängt alles Mögliche mit dran – Erziehung, Geld, Prinzipien, Glaube.

Die Stimmen werden lauter, jemand steht auf, Türen knallen.

Und erst später, vielleicht am Abend, kommt dieser Gedanke:

„Warum haben wir uns eigentlich so gestritten?  Hat das jemandem gutgetan?“

Genau da kann das Gewissen zu dieser inneren Stimme werden, von der ich zu Beginn sprach – nicht als Richterin mit erhobenem Zeigefinger, sondern als Erinnerung:

„Dient das, was ich sage und tue, dem Leben – meinem und dem des Anderen?“

Für mich bedeutet das:

Ich halte kurz inne,
ich suche Gottes Wort,
ich frage:

„Herr, was ist jetzt dran?“

Manchmal wird die Antwort sein:
„Halte dich zurück, hör zu, lass los. Achte darauf, dass du den anderen nicht zu Fall bringst.“

Und dort, wo das Leben anderer Schaden nimmt, wird es heißen:

„Sprich. Widersprich. Steh auf für die, die keine Stimme haben.“

So verstehe ich den Brief des Paulus als Einladung – oder auch als freundliche Zumutung:

unsere Freiheiten wahrzunehmen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Christliche Freiheit heißt: vor Gott gewiss – und dem Anderen in Liebe zugewandt. Vielleicht kann genau das
unser inneres Signal werden, wenn wir das nächste Mal mitten in einer Diskussion stecken:

„Kann ich vor Gott verantworten, was ich tue – und dient es dem Frieden mit den anderen?“

Also lasst uns die Verantwortung nutzen, wo sie gebraucht wird.

Und alles andere – mit Paulus gesprochen – in Liebe auf den Anderen richten.

Amen.

Zum Seitenanfang