Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Empirische Studien zum Lutherbild

"Als öffentliche Person wurde Luther beinahe sogleich, als er auf der geschichtlichen Bühne erschien, zum Anlass unterschiedlicher Deutungen und spezifischer Inanspruchnahme und ist es seither geblieben…[Th. Kaufmann, Martin Luther, München ²2010, 9]. Jede Zeit macht sich ihr(e) Bild(er) von Martin Luther. Und jedes Bild muss sich die Frage gefallen lassen, wie gerecht es dem Menschen und Reformator Martin Luther wird. In dem, was wir von ihm erzählen und weiter geben, aber auch in dem, was wir verschweigen und nicht zur Sprache bringen, verbergen sich bestimmte Auffassungen von Luther. Es wird nicht gelingen, Luthers Persönlichkeit in allen ihren spannungsreichen Facetten gerecht zu werden. Dennoch ist es wichtig, jetzt wo Luther durch Lutherdekade und Reformationsjubiläum 2017 in vieler Munde ist, auf unsere Kommunikations- und Lernprozesse zu schauen. Im Jahr 1998 hatte die LuiSA GmbH (Luther in Sachsen-Anhalt GmbH) eine quantitative Befragung angeregt und unter dem Titel "Luthers Bild in Luthers Land" durch das Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung an der Martin-Luther-Universität durchgeführt.  Am 21.September 2012 begann das fünfte Lutherdekadenjahr. Auch die Forschungsstelle für religiöse Lern- und Kommunikationsprozesse will sich dieser Vorbereitungszeit aktiv stellen und sieht 15 Jahre nach der Befragung "Luthers Bild in Luthers Land" erneuten Forschungsbedarf, zumal die pädagogischen Paradigmen sich in den letzten 15 Jahren erheblich verändert haben und Standards bzw. Kompetenzorientierung auch im Religionsunterricht Einzug gehalten haben.  Die erneute Befragung ist eine qualitative Studie und damit keine Replikationsstudie. Anders als in der quantitativen Studie von 1998 wird zudem  der Religionsunterricht auch in seinen theoretischen Dimensionen (Lehrpläne mit den Kompetenzorientierungen; Lehrbücher) wahrgenommen. Vor allem aber erschien es uns wichtig, Schüler und Schülerinnen selbst in Interviews zu Wort kommen zu lassen, um so auch subjektive Bedeutungszumessungen und Verknüpfungen besser erfassen zu können. Damit bewegt sich das Projekt auf dem Feld der qualitativen Evaluationsforschung. Aus der Orientierung am einzelnen Subjekt resultiert, dass die qualitative Evaluationsforschung spezifische Befunde erhebt, also nicht auf Generalisierbarkeit zielt und ihre Ergebnisse  reflexiv - orientierend versteht. Dies gilt demnach auch für diese Studie: Natürlich ist von den  acht geführten Interviews keine Repräsentativität zu erwarten. Dennoch geben die Interviews wertvolle Einblicke in die  sehr subjektiven Prozesse, historische Inhalte zu rekonstruieren, zu vergessen und zu transferieren.    Die Interviews wurden im Sommer 2013 mit Jugendlichen der achten Jahrgangsstufe unterschiedlicher Schulformen in Zerbst, Dessau, Köthen und Leuna geführt. Fünf der Studienteilnehmer waren ohne Konfession, die restlichen drei Schüler und Schülerinnen evangelisch. Ohne die Ergebnisse der Studie zu simplifizieren, muss festgehalten werden, dass alle acht Jugendlichen ein außerordentlich positives Meinungsbild von Martin Luther haben, das auch hagiographische Tendenzen aufweist. Hinsichtlich der Lebensrelevanz jedoch zeigt sich, dass Luther nicht zum Vorbild für diese Jugendlichen dient: Nur zwei der acht Jugendlichen können an Luther etwas entdecken, das für sie lebensbedeutsam ist. Dieser Befund bestätigt andere empirische Untersuchungen, wonach Vorbilder vorwiegend aus dem Nahbereich (Familie) gewählt werden. Außerdem zeigte sich, dass einige Befunde der Datenlage aus der Studie "Luthers Bild in Luthers Land" ähneln. Dennoch erbrachte die jetzige Studie wertvolle Einblicke in die Transferprozesse von Jugendlichen. So wurde offensichtlich, dass Luther unter  (neuzeitlichen) Werten von  Verantwortung, sozialer Gerechtigkeit und Toleranz wahrgenommen wird. Zum anderen spielt Luthers Standhaftigkeit eine wesentliche Rolle für Jugendliche. Außerdem deuten einige Äußerungen auf Lernchancen hin, wenn Luther stärker biographisch akzentuiert angeboten wird. Martin Luther allein über die Betonung seiner Rolle in der  Reformation und über seine (Neu)Entdeckung der Rechtfertigungslehre unterrichtlich zu behandeln, greift zu kurz, zumal die Rechtfertigungslehre mit ihren vorausgesetzten Sündenbegriff und dem einhergehenden Schuldbewusstsein für Jugendliche in der Adoleszenz und der Entwicklungsaufgabe "Identität" auf wenig Gegenliebe trifft. Die Befunde der Studie ermutigen dagegen, Luther als Mensch in sozialen Beziehungen und aus diesen Beziehungen (auch der Gottesbeziehung) heraus lebend, diskursiv und kritisch reflektiert anzubieten. Die Chancen, dass Jugendliche sich mit einem "kritisch gebrochenen Vorbild" (Folkert Rickers) namens Martin Luther stärker und engagierter auseinander setzen (und damit lebensbedeutsamer), sind hoch und sollten nicht ungenutzt bleiben. Darin eingeschlossen ist die Überlegung, Martin Luther nicht auf die Ereignisse von 1517-1522 begrenzt anzubieten und auch "unangenehme" Seiten des Reformators (Bauernkrieg, antijüdische Positionen, Umgang Luthers mit seinen Feinden) aufzuzeigen. Jugendliche lernen an der Erfahrung von Differenz (Idealbild und Realbild) und können mit "glatten Vorbildern" - wie auch  diese Studie unterstreicht - wenig anfangen.  "Hermeneutische Zirkel", die von einem guten Lutherimage auf ein gutes Kirchenimage schließen und im Osten Deutschland besonders attraktiv erscheinen, verfehlen hingegen ihre Wirkung bei Jugendlichen. Obgleich das Thema "Martin Luther" eine erstaunlich hohe Beliebtheit bei den Jugendlichen besitzt (auch bei den fünf konfessionslosen Schüler/innen der Studie), verwehren sich junge Menschen dagegen, von der Beliebtheit des Themas auf die Beliebtheit  von Kirche allgemein oder von der Größe eine kirchengeschichtlichen Person auf die Bedeutsamkeit von Kirche und christlichem Glauben im Hier und Jetzt zu schließen.Veröffentlichung: wird vorbereitet

Kontakt

Sabine Blaszcyk Forschungsstelle Religiöse Kommunikations-und Lernprozesse Franckeplatz 1/3006099 Halle (Saale)

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